Sonntag, 22. Juli 2012

...und dann kam der Sand!

Ja, und dann kam der Sand:

Sanddüne im Nationalpark Banc d'Arguin in Mauretanien
Aber, wir wollen chronologisch korrekt bleiben. Mein letzter Blogeintrag kam aus Dakar. Dakar war definitiv jene Großstadt auf meiner Reise durch Westafrika, die mich am meisten beeindruckt hat. Warum dies so war, ist schwer zu erklären, aber der Charme, der Flair dieser Stadt hat mich einfach gefangen genommen. So wurden aus meinen üblichen zwei bis drei Tagen Aufenthalt in einer Hauptstadt eine ganze Woche. Ich liebte es mich einfach auf die Straßen zu begeben und mich treiben zu lassen. Natürlich war dies auch ein wenig stressig, da erstens kein Sich-Fortbewegen auf dem Gehsteig möglich war. Der Gehsteig wurde von diversen Markthändlern (Obst, Schuhe, Kleidung, Bücher (allen voran der Koran)) okkupiert, wodurch die Fußgänger sich die Straße mit den Autos teilen mussten. Und zweitens ich als Weißer natürlich wieder auffiel, wenn gleich im Senegal und noch viel mehr in Dakar sehr viele Europäer leben, und somit zum primären Ziel der Straßenhändler wurde. Inzwischen bin ich aber doch schon recht erfolgreich im Abwimmeln eben dieser und konnte damit die Stadt wirklich genießen.


Die Skyline von Dakar
Einer meiner Dakarausflüge führte mich nach Gorée, eine der Hauptstadt vorgelagerte Insel mit einer sehr düsteren Vergangenheit. Die Insel diente lange Zeit der Verschiffung von Sklaven und obwohl ich entlang der Sklavenküste Ortschaften besucht hatte, die im Vergleich zu Gorée eine weit bedeutendere Rolle im Sklavenhandel gespielt hatten, so war der Besuch auf dieser Sklaveninsel doch sehr beklemmend. Ärgern durfte ich mich dann noch im Naturhistorischen Museum, das zu meiner Überraschung einige unglaubliche Exponate zu bieten hatte: Australopithecus robustus und Australopithecus africanus, sowie Homo erectus und selbst Homo neanderthalensis oder mehrere imposante Megalithen aus der Senegambiaregion - nur um ein paar Highlights aufzuzählen. Ein Großteil dieser Schätze war zwar hinter Glasvitrinen ausgestellt. Aber wiederum ein Großteil dieser Glasvitrinen war nicht mehr intakt und man kann fast zusehen, wie die Meeresluft die Exponate auffrisst.


Die Insel Gorée
Dakar war auch deshalb sehr nett, weil ich hier Freunde besuchte, mit denen ich damals in Gabun zusammengearbeitet hatte und die inzwischen ihren Lebensmittelpunkt nach Dakar verlagert haben.


Abendessen im kapverdischen Restaurant "Loutcha" mit Solange Soulanoudjingar, einer tschadischen Ärztin, mit der ich in Gabun zusammengearbeitet habe und einem traditionellen Koraspieler - fast wie beim Heurigen in Wien
Aber meine Reise war ja noch nicht zu Ende und so ging es über Thiès und Kébémèr nach St. Louis. St. Louis war eine weitere senegalesische Stadt mit viel Flair und viel Geschichte (Hauptstadt des franz. Westafrika bis 1902). Die Stadt ist ähnlich angelegt wie mein geliebtes Lambaréné in Gabun, sprich mit einer Insel, die in diesem Falle im Senegal (Fluss) liegt und den beiden gegenüberliegenden Flussufern. Ich quartierte mich in der Auberge St. Louisiana eine, die direkt am Nordufer der Insel liegt. Ich konnte also abwechselnd durch die alte Kolonialstadt bummeln oder auf der Terrasse meiner Unterkunft dem Ab- und Anlegen der Fischerboote sowie beim Fischen der Pelikane und Silberreiher zusehen. 


In den Straßen von St. Louis
Siesta in St. Louis
Es wurde immer schwerer, mich dazu zu bewegen den Senegal zu verlassen und nach Mauretanien weiterzureisen - St. Louis ist ja nicht mehr weit von der Grenze entfernt. Aber, anstatt weiter Richtung Norden zu fahren, fuhr ich nochmals zurück Richtung Süden nach Gandiol und dann nach Mouit, von wo aus ich den Nationalpark Langue de Barbarie betrat. Dieser Nationalpark wurde mir von Urs Kalbitzer, einem deutschen Primatologen des Deutschen Primatenzentrums an der Universität Göttingen, ans Herz gelegt (ach ja und schon wieder ein Universitätskontakt, den ich auf dieser Reise geknüpft habe). Der Urs macht eine vergleichende Studie an den Guineapavianen im Niokolo-Koba Nationalpark im Senegal, wo ich ihn getroffen hatte, und den Bärenpavianen im Okavangodelta Nationalpark in Botswana - ziemlich cool!
Da auch im Senegal die Hauptsaison für Touristen im Dezember und Jänner ist, hatte ich den Nationalpark Langue de Barbarie ganz alleine für mich – bis auf ein älteres neuseeländisches Pärchen, das sich aber weniger für den Nationalpark interessierte, dafür aber immer mit einem 16:00 Uhr Tee aufzuwarten wusste. Zu meinem Glück war meine Unterkunft mit einem kleinen Kanu ausgestattet, mit dem ich zwischen Senegalufer und Atlantikküste hin und her pendeln konnte - von meinem Muskelkater zum Zeitpunkt meiner Abreise will ich hier lieber nicht berichten. Aber die Tatsachen, dass der Senegalfluss oder besser gesagt das Senegalästuar an dieser Stelle den Meeresgezeiten folgte und ich alles andere als erfahren im Kanu fahren bin, machten das Paddeln recht anstrengend.



Frühstücksterrasse in der Zebrabar im Nationalpark Langue de Barbarie
Und wie nicht anders zu erwarten in einem Delta, gab es natürlich auch einiges an Fauna zu beobachten:

Säuger: Husarenaffe (Erythrocebus patas)

Vögel: Riedscharbe (Phalacrocorax africanus), Kormoran (Phalacrocorax carbo), Rosapelikan (Pelecanus onocrotalus), Graureiher (Ardea cinerea), Küstenreiher (Egretta gularis), Kuhreiher (Bubulcus ibis), Seidenreiher (Egretta garzetta), Mangrovenreiher (Butorides striatus), Fischadler (Pandion haliaetus), Schwarzmilan (Milvus migrans), Doppelspornfrankolin (Francolinus bicalcaratus), Senegaltriel (Burhinus senegalensis), Austernfischer (Haematopus ostralegus), Spornkiebitz (Vanellus spinosus), Pfuhlschnepfe (Limosa lapponica), Regenbrachvogel (Numenius phaeopus), Heringsmöwe (Larus fuscus), Graukopfmöwe (Larus cirrocephalus), Lachseeschwalbe (Gelochelidon nilotica), Königsseeschwalbe (Sterna maxima), Raubseeschwalbe (Sterna caspia), Brillentaube (Streptopelia decipiens), Palmtaube (Streptopelia senegalensis), Kaptäubchen (Oena capensis), Erzflecktäubchen (Turtur abyssinicus), Spornkuckuck (Centropus senegalensis), Haubenzwergfischer (Alcedo cristata), Graufischer (Ceryle rudis), Zwergspint (Merops pusillus), Weißkehlspint (Merops albicollis), Blauwangenspint (Merops persicus), Grautoko (Tockus nasutus), Rotschnabeltoko (Tockus erythrorhynchus), Graubrustspecht (Dendropicos goertae), Haubenlerche (Galerida cristata), Graubülbül (Pycnonotus barbatus), Weißaugendrossling (Turdoides reinwardtii), Sudandrossling (Turdoides plebejus), Rotbrust-Glanzköpfchen (Chalcomitra senegalensis), Elfennektarvogel (Cinnyris pulchellus), Goldscheitelwürger (Laniarius barbarus), Schildrabe (Corvus albus), Gelbschnabel-Madenhacker (Buphagus africanus), Grünschwanzglanzstar (Lamprotornis chalybaeus), Langschwanzglanzstar (Lamprotornis caudatus), Haussperling (Passer domesticus), Graukopfsperling (Passer griseus), Braunrücken-Goldsperling (Passer luteus), Zwergweber (Ploceus luteolus), Dorfweber (Ploceus cucullatus), Schwarzkopfweber (Ploceus melanocephalus), Blutschnabelweber (Quelea quelea), Senegalamarant (Lagonosticta senegala), und weitere Vögel (vor allem Möwen und Seeschwalben), die ich nicht zu bestimmen vermochte.


Rosapelikane (Pelecanus onocrotalus) im Flug über das Senegalästuar
Rotschnabeltoko (Tockus erythrorhynchus)
Ein Nationalpark, in dem die Verbindung von Natur- und Kulturland funktioniert: Gelbschnabel-Madenhacker (Buphagus africanus) haben mangels Großsäuger wie Büffel oder Pferdeantilopen eine Alternative gefunden.
Ein männlicher Senegalamarant (Lagonosticta senegala)
Reptilien: Siedleragame (Agama agama)


Ein männliches Exemplar einer Siedleragame (Agama agama), die hier ihre nördliche Verbreitungsgrenze finden
Nach dem sehr entspannenden Aufenthalt in der Zebrabar - die von einer schweizer Familie betrieben wird (ich durfte mich also wieder mal in meiner Muttersprache unterhalten) - im Nationalpark Langue de Barbarie ging es zurück nach St. Louis, um von dort über Ross Bethio nach Rosso, an die senegalesisch-mauretanische Grenze zu fahren. Rosso ist jener Ort, an dem der Großteil der Grenzübertritte zwischen dem Senegal und Mauretanien erfolgen. Da ich mich inzwischen auf der klassischen Westafrikaroute befand, gab es sehr viele Europäer, die diesen Grenzübergang benutzten. Dieses Faktum war aber leider nicht zu meinem Vorteil, denn viele weiße Touristen bedeutet, dass sich sehr viele ans "einfache Geld" gewöhnt hatten. Und trotzdem hatte ich Einwanderungspolizei und den Zoll auf senegalesischer Seite in 15 Minuten erledigt und wartete dann nur noch auf die Fähre, um den Senegalfluss zu überqueren. Die nächste Fähre war aber erst für zwei Stunden später angesetzt. Viel Zeit für diverse Personen an der Grenze nochmals Gebühren bei mir einzuheben. Die ersten waren Beamte von der Einwanderungspolizei, die für die Einreise in den Senegal zuständig waren (ich bin zuvor nur bei jenen Beamten, die für die Ausreise aus dem Senegal zuständig sind, vorstellig geworden). Auf deren Anfrage nach Entrichtung einer Gebühr, um den Fluss zu überqueren, meinte ich höflich, dass, sollte es sich hierbei um eine offizielle Gebühr handeln, ich einen Beleg haben will, damit ich auf der Fähre auch vorweisen kann, dass ich eben diese Gebühr entrichtet habe. Darauf folgte eine kurze, prägnante Antwort: "Es gibt keinen Beleg". Worauf eine weitere prägnante Antwort folgte: "Dann gibt es auch kein Geld". Die Einwanderungsbeamten ließen mich dann nur noch wissen, dass ich mich noch wundern würde, sobald mir die Auffahrt auf die Fähre verweigert werden würde. Frech, wie ich inzwischen bin, antwortete ich nur, dass, sollte mir das Auffahren auf die Autofähre verweigert werden, ich in diesem Falle ja genügend Zeit hätte, um diese Gelddiskussion vor Gericht in Dakar weiterzuführen. Damit verließ ich das Polizeigebäude, um weiter auf die Fähre zu warten. Und dieses Warten war beinahe unerträglich, da ich ständig von Menschen umzingelt wurde, die irgendetwas für mich machen wollten (Auto waschen, Geld wechseln, Essen holen etc.). Diese Angebote wurden aber nicht einfach vorgetragen, sondern eher angedroht. Die Aggressivität an diesem Grenzübergang gepaart mit der unerträglichen Hitze (über 40 °C) machten das Warten wirklich zu einer Zerreißprobe. Ich sollte die Fähre schlussendlich aber gar nicht zu Gesicht bekommen, da ich im Zuge des Feilschens und Diskutierens erfahren hatte, dass ich ohne Visum nicht nach Mauretanien einreisen kann. Der Hintergrund war folgender: für alle Länder, die ich im Laufe dieser Reise besucht hatte, organisierte ich das Visum im jeweils vorigen Land. Senegal war die erste Ausnahme, da EU-Bürger für dieses Land kein Visum brauchen. Dasselbe gilt übrigens für Marokko. Hinsichtlich Mauretanien, das zwischen diesen beiden Ländern liegt, war ich mir aber nicht sicher, weshalb ich die Homepage des österreichischen Außenministeriums konsultierte, die darauf hinwies, dass Einreisevisen für Mauretanien direkt an der Grenze gelöst werden können. Am Grenzübergang wurde mir aber nun gegenteiliges gesagt. Ich schaffte es dann eine Telefonnummer eines mauretanischen Grenzbeamten aufzutreiben und erfuhr von diesem, dass das Angebot ein Visum direkt an der Grenze zu lösen seit über zwei Jahren nicht mehr besteht. Da ich schon aus dem Senegal ausgereist war, musste ich nun wieder einreisen. Der Zoll war relativ einfach. Da mein Passagierschein für das Auto noch nicht abgestempelt worden war, wurde mir dieser einfach wieder ausgehändigt. Die Einwanderungspolizei war dann ein wenig schwieriger, weil ich genau zu jenen Herrschaften musste, mit denen ich mich zuvor angelegt hatte - damals noch mit dem Hintergedanken, dass ich mit denen eh nie wieder etwas zu tun haben werde. In Wirklichkeit dauerte die Einreise aber dann nicht mal fünf Minuten. Denn, um weitere Diskussionen zu vermeiden, schnappte ich mir einen von den Burschen, die vorher beim Autowaschen Geld verdienen wollten, steckte im Geld und meinen Pass zu und ließ ihn wissen, dass ich einen Einwanderungsstempel in meinem Pass brauche. Das Geld könne er nach seinem Gutdünken bzw. seinem Verhandlungsgeschick entsprechend, zwischen ihm und der Einwanderungspolizei aufteilen. So waren am Ende alle glücklich und ich fuhr wieder zurück in den Süden, nach Dakar. Im Nachhinein ist mir unverständlich, warum ich nicht gleich auf die mauretanische Botschaft in Dakar gegangen bin. Ich gab meinen Pass am Vormittag ab und konnte mein Visum am späteren Nachmittag abholen - also eine Angelegenheit von sechs Stunden. Da ich nun schon mal wieder die Richtung Süden eingeschlagen hatte, hielt ich nach Erhalt des mauretanischen Visums die Richtung bei und fuhr über Diamniadio in das kleine Fischerdorf Ndayane, um dort mit zwei Strandtagen gebührend Abschied vom Senegal zu nehmen.


Strand von Ndayane
Nach meinem Strandaufenthalt ging es zurück nach Diamniadio, Thiès, Kébémèr und St. Louis von wo aus ich nun eine neue Richtung einschlug, um den abgelegenen Grenzübergang in Diama anzupeilen. Der Vorteil dieses Grenzüberganges war, dass alles ganz stressfrei und ruhig über die Bühne ging. Der Nachteil war, dass auf mauretanischer Seite (noch) keine offizielle Straße zur Verfügung stand. Da am Grenzübergang auf mauretanischer Seite aber mehrere Personen auf eine Mitfahrgelegenheit nach Nouakchott warteten, war auch dieses Problem schnell gelöst. Was ich nicht wusste, war, dass die Sandpiste ghleich hinter dem mauretanischen Grenzdorf Birette in den atemberaubenden Nationalpark Diawling einbog. 


Im Nationalpark Diawling wimmelte es nur so vor Warzenschweinen (Phacochoerus africanus) und die meisten Rotten führten auch noch Jungtiere mit.
Da ich nun aber einen Fahrgast hatte, konnte ich mich leider nicht mehr kurzfristig umentscheiden, und ein paar Tage im Diawling verbringen. Andererseits muss ich aber auch eingestehen, dass ich ohne meinen "local guide", den Weg nach Nouakchott nie gefunden hätte.
Nouakchott als Stadt war mir von Anfang an sympathisch, was aber mehr an der unglaublichen Gelassenheit der Mauretanier lag, als an der Stadt selbst. Und sogar in der Hauptstadt suchte man sich am besten ein Beduinenzelt, lag den ganzen Tag auf den ausgelegten Teppichen herum und schlürfte Pfefferminztee - zumindest schaut so der Tag eines Europäers im Beduinenzelt aus. Der Mauretanier hingegen - um es jetzt einfach mal extrem stereotyp zu formulieren - musste doch hin und wieder das Zelt verlassen, entweder zum Gebet oder zum Verhandeln und Geschäfte abwickeln. So kommt es auch, dass der Großteil der Mauretanier ihr Geld beim Handeln verdient, während die Alltagsarbeiten (Handwerker, Taxifahrer etc.) in diesem Land von Gastarbeitern vor allem aus dem Senegal, aber auch aus Mali und Guinea verrichtet werden. Der unangenehme Part in Nouakchott bzw. in allen Städten in Mauretanien war das Autofahren. Das Autofahren war zwar bedeutend weniger hektisch als in den meisten schwarzafrikanischen Städten, dafür passierten auf Mauretaniens Straßen ständig Sachen, die einfach nicht zu begreifen waren. Meine Theorie ist, dass die Mauretanier erstens keinen Führerschein machen und zweitens in der Wüste das Autofahren lernen. Wer in der Wüste fährt, muss sich vorrangig um die Unterlage, sprich den Sand kümmern, während Begriffe wie Gegenverkehr oder Rückspiegel nicht einmal Fremdwörter sind. Und so war das Autofahren in Nouakchott der reinste Horror, hingegen in einem Straßencafe zu sitzen und dem Verkehr zuzuschauen, die reinste Unterhaltung.
Seit ich in den Senegal eingereist war, traf ich immer mehr Westafrikareisende. Die sympathischste Begegnung hatte ich dann in Nouakchott, wo ich einen Südkoreaner traf, der seit zwei Jahren auf Reisen ist. Das erste Jahr hat er zu Fuß in Asien verbracht, das zweite Jahr auf dem Fahrrad in Europa und Afrika, wo er gerade die Sahara hinter sich gebracht hat und nun auf dem Weg nach Dakar ist, von wo aus er per Schiff nach Südamerika reisen wird, um dort sein drittes und letztes Reisejahr zu verbringen. Das coolste ist aber, dass er die Reise nicht alleine macht, sondern mit seinen beiden Zwillingssöhnen, die mit fünf Jahren sowohl den Himalaya als auch die Sahara schon hinter sich haben und jetzt eben den Amazonas vor sich. Meine Reise ging ja in die entgegengesetzte Richtung und mein nächstes Ziel hieß Nationalpark Banc d'Arguin. Das Dorf am südlichen Eintrittspunkt in diesen Nationalpark nennt sich Mamghar und ist am einfachsten von der Küste her erreichbar. Um schwerwiegendere Probleme zu vermeiden, begaben sich mein Nationalparkführer Dahid und ich noch am Tag vor der Abreise aus Nouakchott an den Strand, um die Gezeiten zu studieren. 


Am Strand in Nouakchott
Am nächsten Tag um 05:00 Uhr bei Ebbe fuhren wir dann am Strand entlang Richtung Norden nach Mamghar und von dort ging es dann durch die Wüste nach Iwik, einem kleinen Fischerdorf im Nationalpark. 


Die Strandfahrt von Nouakchott nach Mamghar im Morgengrauen
Eine Gruppe von Dromedaren (Camelus dromedarius), dem Gold der Mauretanier, in der Nähe von Iwik
Mein Plan war in Iwik ein Fischerboot anzumieten, um die vorgelagerten Inseln zu besuchen. Bei den Verhandlungen mit den Fischern in Iwik musste ich aber feststellen, dass es fast unmöglich ist, diesen Plan in die Realität umzusetzen. Obwohl ich einen meiner Meinung recht guten Preis anbot, bevorzugten die Fischer die Boote fürs Fischen anstatt für Touristen zu verwenden. Im Camp in Iwik lernte ich dann noch den Nationalparkmanager kennen, der gerade mit einer senegalesischen Delegation zu Trainingszwecken in Iwik war. Er teilte mir mit, dass er gestern über 700 Euro Tagesmiete für ein Fischerboot geboten hatte und ebenfalls erfolglos blieb. Damit verstand ich dann auch, warum mein Angebot, dass nicht mal 10% des oben genannten Betrages ausmachte, abgelehnt wurde. Wir mussten beide zur Kenntnis nehmen, dass der Fischfang zu lukrativ war um überhaupt ans "Rumgondeln" von und mit Touristen zu denken. Mir war das eigentlich dann eh egal, weil somit mehr Zeit blieb am Strand oder in der Wüste rumzulungern. Ich stellte dann auch fest, dass die Inseln um Iwik - manche konnte ich ja mit meinem Fernglas ein wenig einsehen - ,die berühmt sind für diverse Vogelarten (verschiedene Reiherarten, Löffler etc.), die hier anscheinend massenhaft auftreten sollen, fast vogelleer waren. Die meisten der Vögel dieses Nationalparks hatten mich abgehängt und waren im Gegensatz zu mir schon seit einigen Wochen in Europa. Bei meinem Nationalparkführer stellte ich recht bald mangelndes zoologisches Interesse fest. Seine Vorzüge lagen eher in der Navigation durch die Wüste. Deshalb wurden auch die Plätze getauscht, sobald ich rausfand, dass er einen Führerschein hatte. Dies vereinfachte mir während der Fahrt Ausschau nach Wüstenbewohnern zu halten. Sobald wir in den Camps ankamen, suchte mein „guide“ das nächste Beduinenzelt zum Teetrinken und ich die Wüste sowie die Küste, um diese zu Fuß zu erkunden:


Säuger: Feldrennmaus (Gerbillus campestris), Goldschakal (Canis aureus) und Gemeiner Delfin (Delphinus delphis).


Eine Feldrennmaus (Gerbillus campestris), die ich in der Nähe von Arkeiss entdeckt habe
Ein Goldschakal (Canis aureus), wiederum in der Nähe von Arkeiss
Vögel: Kormoran (Phalacrocorax carbo), Rosapelikan (Pelecanus onocrotalus), Graureiher (Ardea cinerea), Küstenreiher (Egretta gularis), Löffler (Platalea leucorodia), Fischadler (Pandion haliaetus), Rosaflamingo (Phoenicopterus ruber), Regenbrachvogel (Numenius phaeopus), Sanderling (Calidris alba), Heringsmöwe (Larus fuscus), Dünnschnabelmöwe (Larus genei), Graukopfmöwe (Larus cirrocephalus), Zwergseeschwalbe (Sterna albifrons), Lachseeschwalbe (Gelochelidon nilotica), Königsseeschwalbe (Sterna maxima), Raubseeschwalbe (Sterna caspia), Mauersegler (Apus apus), Haussegler (Apus affinis), Wüstenläuferlerche (Alaemon alaudipes), Rauchschwalbe (Hirundo rustica), Mehlschwalbe (Delichon urbica), Saharasteinschmätzer (Oenanthe leucopyga), Wüstenrabe (Corvus ruficollis), Haussperling (Passer domesticus), und weitere Vögel (vor allem Möwen und Seeschwalben), die ich nicht zu bestimmen vermochte.


Raubseeschwalben (Sterna caspia) im Vordergrund und Rosapelikane (Pelecanus onocrotalus) im Hintergrund am Cap Blanc
Heringsmöwe (Larus fuscus) in Iwik
Sanderling (Calidris alba) an der Baie de l'Étoile
Ein Saharasteinschmätzer (Oenanthe leucopyga) im Garten meiner Unterkunft in der Baie de l'Étoile

Reptilien: Wüstenwaran (Varanus griseus), Goldfransenfingerechse (Acanthodactylus aureus).

Ein noch relativ kleiner Wüstenwaran (Varanus griseus) in der Nähe von Arkeiss
Goldfransenfingerechse (Acanthodactylus aureus) in Iwik
Von Iwik ging es nach wie vor innerhalb des Nationalparks nach Arkeiss, einem weiteren Fischerdorf, das an einer unglaublich idyllischen Atlantikbucht liegt. Hier gab es dann auch tatsächlich ein paar Badeurlauber und vor allem Touristen, die zum Angeln hierherkamen. 


Die Bucht von Arkeiss, ein Bade- und Angelparadies in mitten des mauretanischen Nirgendwo
Das Beduinenzelt, das für Dahid und mich als Unterkunft diente, lag direkt an dieser Bucht. Bei meiner Ankunft wurde ich sogleich von meinen angelnden Zeltnachbarn begrüßt, wenn auch etwas mürrisch. Wie schon öfters in Mauretanien wurde ich auch hier wieder gefragt, ob ich Marokkaner bin. Als ich dies verneinte, meinten die beiden Angler etwas herablassend "Ah, ein Franzose". Man weiß ja nie, wen man auf solchen Reisen trifft, aber, dass ich in einer wirklich extrem abgelegenen Region in Mauretanien zwei angelnde, algerische Nazis treffen würde, hat mich dann doch überrascht. Ja und so zauberte meine Antwort "Nein, ein Österreicher" ein Lächeln auf die Gesichter der beiden Algerier. Während meines ganzen Aufenthaltes wurde ich von den Algeriern zum Essen eingeladen. Einer der beiden war ein leidenschaftlicher Koch und, dass sie zum Angeln hier waren, hatte ich ja schon erwähnt. Ich durfte also in der "Metropole" Arkeiss gehobene Küche genießen. Die Themen Adolf Hitler und die Shoa wurden natürlich heftigst diskutiert, wenn gleich mich die Algerier nicht ernst nahmen. Ihrer Meinung nach konnte man dieses Thema mit Österreichern und Deutschen sowieso nicht diskutieren, da wir von den Siegermächten ge"brainwahsed" worden waren. Ich schaffte es zumindest so weit, dass manche meiner Argumente toleriert wurden, gebe aber auch zu, dass ich im Gegenzug einiges gelernt habe, vor allem über den Afrikafeldzug und den Wüstenstrategen Rommel.
Trotz des guten Essens in Arkeiss ging es am nächsten Tag wieder zurück in die Wüste. und von dort nach Nouadhibou


Abschließende Wüstenfahrt
Nouadhibou war die zweite Großstadt, die ich in Mauretanien besuchte, wenn gleich ich mich weniger für die Stadt, als die angrenzenden Gebiete des Cap Blanc und der Baie de l'Étoile interessierte. Beide Gebiete liegen zwar außerhalb des Nationalparks Banc d'Arguin, gelten aber als Satellitenstandorte desselben. Das Cap Blanc besuchte ich vor allem aufgrund der dort vorkommenden Mittelmeermönchsrobben, von denen ich leider keine zu Gesicht bekam. Dafür sah ich hier eine Gruppe Delfine und etliche aufgelaufene Schiffe - die Arguinsandbank gilt als eine recht gefährliche Stelle für die Schifffahrt. Das bekannteste aufgelaufene Boot war die Méduse (1816). Der Kannibalismus, zu dem es im Laufe dieser Katastrophe kam, ist eine der beliebtesten, wenn auch makabersten Geschichten in dieser Region. 


Ein 2003 aufgelaufenes Schiff - mehrere Versuche, das Schiff wieder in tiefere Gewässer zu ziehen blieben erfolglos

Die Baie de l'Étoile diente mir als abgelegene und daher sehr ruhige Unterkunft, während meiner letzten Tage in Mauretanien. Denn von hier begab ich mich nach Gueguarat an die Grenze Mauretaniens mit der Westsahara. Und damit ging der relative kurze Aufenthalt in Mauretanien zu Ende, das vor allem durch seine Gastfreundschaft herausstach. Unvergesslich als Dahid und ich in der Wüste (bei entsprechenden Temperaturen) nach dem Dünenfahren die Reifen wieder aufpumpten und zufälligerweise Beduinen vorbeikamen, die, so kam es zumindest mir vor, glücklich waren, Menschen gefunden zu haben, denen sie mir ihrer Gastfreundschaft aufwarten konnten. Und so kam ich dann zu meiner ersten Kamelmilch, die auch noch unglaublich gut schmeckte.
Der Grenzübertritt nach Marokko verlief unspektakulär, bis auf die Tatsache, dass ich das Niemandsland zwischen Mauretanien und der Westsahara (ca. 4 km) alleine durchqueren musste. Das "Alleine-Fahren" war nicht wirklich das Problem, sondern die mehrfach vorgetragenen Ratschläge, dass ich ja nicht die Hauptpiste verlassen soll, weil die ganze Grenzregion vermint ist. Auf meine Frage, ob den die Hauptpiste auch gut als solche erkennbar ist, wurde mit einem "mehr oder weniger" geantwortet. Deshalb entschied ich mich dafür zu warten, um hinter einem anderen Auto oder LKW Richtung Westsahara zu fahren. Zu meinem Pech schien es aber so, als wollte an diesem Tag niemand Richtung Norden fahren. Also fuhr ich ohne Konvoi aber dafür mit einem eher mulmigen Gefühl vom mauretanischen Grenzposten zum marokkanischen. An zwei Stellen auf diesen vier Kilometern wartete ich auf Gegenverkehr, der mir bei der Entscheidung, ob links oder rechts, doch eine recht große Entscheidungshilfe war. Der marokkanische Teil des Grenzübertrittes war eigentlich nicht sehr kompliziert, dauerte aber ewig, weil noch sehr viele LKWs vom Vortag auf die Abfertigung warteten. Neben den Standardprozeduren bei der Einwanderungspolizei und dem Zoll gab es hier noch zwei zusätzliche Kontrollen: die Drogen- und Sprengstoffspürhunde und den Autoscanner. Während des Scannes musste ich dann noch hoch und heilig versprechen, dass ich die Souveränität des marokkanischen Staates und seiner Grenzen anerkenne und das alles nur, weil ich blöderweise meinen Straßenatlas offen im Auto liegen hatte lassen. In meinem Straßenatlas gibt es zwischen Mauretanien und Marokko ein Gebiet, das als eigener Staat ausgewiesen ist und sich Westsahara nennt. Und deshalb wurde ich von den Beamten, die für diesen Scanner zuständig waren, als potentieller Separatist und Polisariosympathisant identifiziert. Aber ich windete mich auch aus dieser Situation heraus mit dem Resultat, dass ich das vor mir liegende Land erst recht nur noch als Westsahara und nicht als Marokko bezeichnen würde. Aufgrund der Verzögerungen musste ich dann auch in der Grenznähe übernachten und zwar in Bir Gandouz. Von dort ging es dann für über 1000 Kilometer durch Steinwüste: El Abourou, Tamayye, Boujdour, Laâyoune auf Westsaharaseite und Tarfaya, und Tan-Tan auf marokkanischer Seite. 


Ganz normale Kilometerangaben entlang der Nord-Süd-Verbindung in der Westsahara
Obwohl ständig vor Kamelüberquerungen gewarnt wurde, so bekam ich in der Westsahara nur ein einziges Mal welche zu Gesicht. Ich schätze mal, dass großflächig Minen ausgelegt wurden, was das Halten von Dromedaren ein wenig unattraktiv macht.
In Mauretanien war das durch die Wüste fahren ja noch irgendwie lustig und spannend, weil neu. In der Westsahara ging mir das dann schon furchtbar auf die Nerven. Ich war schon dankbar, wenn endlich wieder mal eine kleine Kurve auftauchte und ich wieder etwas zu tun hatte, auch wenn es nur das Lenkradbewegen war. Ich lernte auf meiner Reise ja einige Wüstenliebhaber kennen (z.B. den Organisator des Jazzfestivals in Basel, der, ich glaube es war in den 80er Jahren, zwei Jahre lang zu Fuß von Nouakchott nach Timbuktu spazierte), muss aber ehrlich zugeben, dass ich diese Begeisterung nicht wirklich teilen kann. Da ist mir der üppige, tropische Regenwald in West- und Zentralafrika doch um ein Vielfaches lieber. Erstens trifft man da mehr Menschen und zweitens ist das Reisen viel spannender, weil hinter jeder Kurve etwas Unerwartetes lauern kann. In der Wüste hast du hinter jeder Düne wieder eine Düne oder einfach nur Sand, der sich nicht in Form einer Düne angesammelt hat. Aber Geschmäcker sind bekannterweise verschieden. Trotzdem konnte ich immer weniger verstehen, warum man sich gegenseitig die Köpfe einhaut, um rauszufinden, wer diesen Sand verwalten darf, denn Rohstoffe, außer ein wenig Phosphat, gibt es in dieser Gegend nicht wirklich. Aber so wie die Geschmäcker verschieden sind, so muss man auch nicht alles auf dieser Welt verstehen. Die wenigen Menschensiedlungen, die auf meinem Weg durch die Westsahara entlang der Straße lagen, waren auch sehr farblos. Diese waren zwar sehr modern und mit viel Geld aufgebaut worden (Marokko investiert ja unglaublich viel Geld in diese Region), entbehren aber jeglichen Charmes. Die einzige Ausnahme war Laâyoune, die Hauptstadt der Westsahara. Laâyoune wurde im Gegensatz zu vielen anderen Orten nicht in irgendeinem Büro designt worden, sondern ist eine gewachsene Stadt, mit Menschen, Märkten, Cafés, Restaurants, einfach eine lebendige Stadt. Wenn ich als Vergleich dazu Boujdour nehme, das, obwohl eigentlich auch eine historisch gewachsene Stadt, schön symmetrisch (ein wenig wie amerikanische Vorstädte) angelegt wurde, mit einer dreispurigen Stadtautobahn, auf der du schon mal 30 Minuten warten musst, damit du die drei Spuren mit einem zweiten Fahrzeug teilen darfst und damit auch gleichzeitig einen Menschen zu Gesicht bekommst. Die Westsahara war also landschaftlich sehr langweilig und zu meiner Verwunderung war es auch richtig kalt. Ich ging ja davon aus, dass ich irgendwann im Laufe meiner Reise die Fenster hochkurbeln würde, um die Klimaanlage anzumachen, weil die Hitze nicht mehr auszuhalten ist. Ich schloss hier die Fenster aber zum ersten Mal auf meiner Reise, und zwar um die Heizung anzumachen. Auf marokkanischer Seite änderte sich dann alles nach und nach. Als erstes tauchten immer mehr Wadis auf, die der Landschaft Struktur verliehen. Und als ich dann von Tan-Tan über Goulmine und Bouzakarne nach Tiznit fuhr, fand ich mich plötzlich auf richtigen Serpentinenstraßen wieder, die mich über die Vorboten des Antiatlas führten. Von Tiznit ging es über Aït Melloul nach Taroudannt, meinem ersten richtigen Aufenthalt seit ich Mauretanien verlassen hatte. Taroudannt als meinen ersten Aufenthaltsort in Marokko auszuwählen war eine goldrichtige Entscheidung. Taroudannt ist eine Kleinstadt mit viel Geschichte (Stadtmauern aus dem 14. Jahrhundert und Kasbah und erweiterte Stadtmauern aus dem 16. Jahrhundert) und liegt in einer landwirtschaftlich sehr ertragreichen Gegend. Nach so viel Kargheit während der letzten fast 3000 Kilometer, zogen mich die Gemüse- und Obstmärkte fast magisch an. Überall konnte man frisch-gepressten Orangen- oder Pfirsischsaft trinken und obwohl Marokko ab Mitte Juli fast im Tourismus untergeht, war in Taroudannt alles im erträglichen Bereich. Außerdem liegt diese Stadt schon im Hohen Atlas, weshalb sie ein wirklich schönes Bergpanorama zu bieten hat - und ich sah meinen ersten Schnee seit mehr als zweieinhalb Jahren. 


Ein Teil der Stadtmauer von Taroudannt
Die Region um Taroudannt gilt auch ein wenig als Geheimtipp fürs Bergwandern, da die Berge weit weniger touristisch erschlossen sind als zum Beispiel die berühmte Jebel Tobkal-Region. Mit meinem Bergführer Mustapha wollte ich den Jebel Aoulime (3.555 m) besteigen. Als wir über 2.000 m waren, die Temperaturen immer noch klar über 30 °C betrugen und wir unsere Wasserflaschen schon mehrmals nachgefüllt hatten, fielen wir die Entscheidung die Besteigung zu annullieren und stattdessen eine kleine Rundwanderung zu machen, die uns erlaubte ständig in Wassernähe zu bleiben. 


Eines von vielen Berberdörfern im Hohen Atlas
...zu einer Wanderung im Atlasgebirge gehört natürlich auch das Atlashörnchen (Atlantoxerus getulus)
Zurück in Taroudannt packte ich dann meine Sachen, um quer durchs Atlasgebirge zu fahren, namentlich nach Olad Berhil, Tizi-n-Test und Asni mit dem Fahrziel Marrakesch


Das Panorama auf meiner Fahrt von Taroudannt nach Marrakesch
Die Mosche von Tinmel, das ebenfalls auf der Atlasstraße von Taroudannt nach Marrakesch liegt, wurde im 12. Jahrhundert erbaut.
Prinzipiell ist das Fahren seit ich Mauretanien verlassen hatte, sehr angenehm, weil es sowohl in der Westsahara als auch in Marokko Straßenschilder gibt und du bei Kreuzungen immer genau weißt, welche Straße wo hin führt. Die einzige Ausnahme sind die Städte, in denen es keine Wegweiser mehr gibt und auch keine Straßennamen bzw. solltest du einen Straßennamen auf irgendeinem Schild finden oder von einem Passanten mitgeteilt bekommen, nutzt dieser nicht viel, weil die Straße in deiner Karte mit fast 100%iger Sicherheit einen anderen Namen hat. Marrahesch war diesbzgl. das bisher Schlimmste. Und während dem Versuch dich zu orientieren, musst du auch gleichzeitig Acht geben auf die unzähligen Moped und Fahrradfahrer, Pferdekutschen, Touristen, die von vornherein was anderes zu tun haben, als auf den Verkehr zu achten und natürlich die lokalen Taxifahrer, die sich überall durchquetschen. Ich falle dann noch zusätzlich unangenehm auf, weil ich es einfach noch gewohnt bin, bei Gefahr die Hupe zu betätigen, was ich seit dem Grenzübertritt Senegal-Mauretanien abstellen hätte sollen, bisher aber noch nicht geschafft habe. Und so bin ich hupend und fluchend in Marrakesch angekommen und meine Meinung über diese Stadt hat sich auch bis jetzt (obwohl ich inzwischen als Fußgänger unterwegs bin) nicht geändert. Deshalb versteckte ich mich auch hauptsächlich im Hotel und in Cafés anstatt das klassische Touristenprogramm abzuspulen und freue mich auf morgen, den Tag an dem ich diese Stadt verlassen werde. In welche Richtung habe ich noch nicht entschieden. Zur Auswahl stehen der direkte Weg nach Fès oder nochmals in das Atlasgebirge zu fahren und über Ouarzazate und Tinerhir nach Fès zu fahren. Wahrscheinlich wird die Entscheidung davon abhängen, welche Ausfahrt ich zuerst finde. Nach Fès geht es dann an die Mittelmeerküste, um ein Boot zu finden, das mich und mein Auto über die Straße von Gibraltar führt.

Sonntag, 17. Juni 2012

Von Sierra Leone über Guinea in den Senegal


Wie angekündigt, ging es von Freetown Richtung Süden, um die Freetown Penninsula zu umrunden. Diese Umrundung der Halbinsel dauerte aber nicht lange. Denn, nach einer kurzen, aber atemberaubenden Autofahrt zwischen sierra leonischem Primärwald und malerischen Stränden, fällte ich die Entscheidung, dass es doch noch nicht Zeit sei, mich Richtung guineische Grenze zu begeben, dafür aber noch ein wenig auf der Penninsula zu verweilen. Nach dem Zufallsprinzip wurde das kleine Fischerdorf Tokeh ausgewählt, das in Nord-Süd-Richtung zwischen zwei Flüssen, mit den einfallsreichen Namen "River N°1" und "River N°2", und in Ost-West-Richtung zwischen Regenwald und der Atlantikküste eingebettet ist.

Der Fischerstrand von Tokeh mit den Regenwaldhügeln im Hintergrund
Graureiher (Ardea cinerea), Küstenreiher (Egretta gularis), Brandseeschwalben (Sterna sandvicensis) und Königseeschwalben (Sterna maxima) an der Einmündung des River N°1 in den Atlantik
Ein lukrativer Nebenverdienst für die Fischerdörfer auf der Freetown Penninsula, immerhin muss eine Großstadt wie Freetown mit entsprechenden Rauschkräutern versorgt werden.
In Tokeh verbrachte ich also nochmals zwei ruhige Strandtage bei richtig gutem Essen (frischer Fisch!). Nach diesen zwei Tagen entschied ich mich aber dann doch die Halbinselumrundung abzuschließen und erreichte somit Waterloo, von wo aus die Straße fast direkt nach Norden führte: Masiaka, Lunsar, Makeni und Kabala. Von Kabala ging es dann auf schwierigem Terrain nach Falaba und von dort mitten durchs Nirgendwo in das sierra leonische Grenzdorf Koindu-Kura. Die Ausreise verlief sehr reibungslos bis auf die Tatsache, dass der Zöllner es einfach nicht fassen konnte, dass ein Weißer, ganz alleine, seinen Grenzübergang finden konnte. In Herémakano, dem guineischen Grenzdorf waren hingegen wieder bedeutend mehr Diskussionen und Feilschen angesagt. Während ich Gendarmerie und Einwanderungspolizei davon überzeugte, dass ich kein Geld zu bezahlen hatte, war der Besuch bei den Zöllnern alles andere als einfach. Ich erklärte, wie nun schon mehrere Male seit meiner Abreise aus Gabun, dass ich einen Passagierschein für mein Auto bräuchte. Daraufhin nahm der Chefzöllner ein Blatt Papier und begann ein solches Dokument auszuformulieren. Ich war mir dessen bewusst, dass mich dieses handgeschriebene Dokument viel Geld kosten würde aber gleichzeitig an keiner Polizei- oder Militärkontrolle in Guinea akzeptiert werden würde. Also nahm ich allen Mut zusammen und wies den Herrn Zöllner daraufhin, dass dieses Dokument nicht ausreichend sei und ich davon ausgehe, dass ich das richtige Dokument erst auf dem Zollamt in Faranah, der nächstgelegenen Stadt, organisieren könne. Ich ging eigentlich davon aus, dass die Situation aufgrund meines Hinweises, dass das soeben fabrizierte Zolldokument wertlos sei, ausarten würde, immerhin erklärte der Nichtwissende dem Chef wie die ganze Sache abzulaufen hat. Aber im Gegenteil, der Zöllner gab mir recht und wünschte mir eine gute Weiterreise. Leider waren in der Zwischenzeit auch der Gendarm und der Einwanderungspolizist eingetroffen, die zwar zuvor akzeptiert hatten, dass es von mir kein Geld gibt, deswegen aber nicht von dieser Entscheidung überzeugt waren, geschweige denn glücklich darüber waren. Und, in dem Moment, als mich der Chefzöllner entließ, wurde eben diesem von links und von rechts zugeflüstert. Ich gehe mal davon aus, dass aufgrund dieses Zuflüsterns, mir, der schon auf der Schwelle stand, zugerufen wurde: "Und was führen sie denn alles im Auto mit?". Ich schloss kurz die Augen, dachte nur "Bitte nicht", atmete kurz durch und antwortete ganz höflich: "Wasser, Kleidung, Reservereifen und Dieselkanister". Ich hatte ja schon einige Zollkontrollen hinter mir, bei denen bisher der/die Zöllner aber immer zum Auto kam/en, ich die diversen Taschen und Boxen kurz öffnete und erklärte, was sich wo befindet. Noch keine einzige Zollkontrolle dauerte mehr als 15 Minuten. Der Zöllner an der guineischen Grenze hingegen bestand darauf, dass ich alles ins Zollamt zu tragen hätte, damit er dort die Inspektion vornehmen könnte. Zu den beiden Jungzöllnern, die mich zum Auto begleiteten, meinte ich nur, dass ich meinen 40 Liter Wasserkanister und meine 60 Liter Diesel ganz sicher nicht ins Zollamt tragen würde. Ich entschied mich also für zwei Taschen mit Kleidung und einem "Plastiksackerl" mit Mangos, Nudeln und Keksen. Den Trick mit der Kleidung hatte ich als Student gelernt, der regelmäßig bei seinen Zugfahrten von Innsbruck nach Hause Drogenkontrollen über sich ergehen lassen durfte. Mit genügend Dreckwäsche im Gepäck wurden die Kontrollen immer recht kurz gehalten. In diesem Fall konnte ich auf Wäsche zurückgreifen, die den westafrikanischen Regenwald in der Regenzeit kennengelernt hatte. Als ich also gebeten wurde den Tascheninhalt zu präsentieren, entleerte ich diesen auf den Arbeitstisch des Chefzöllners. Auf meinen Hinweis, dass auch in der zweiten Tasche noch Kleidungsstücke wären, wurde nur noch Mit Kopfschütteln reagiert. Der Gendarm entdeckte dann aber noch einen zusätzlichen Reißverschluss auf meinem großen Wanderrucksack und bat darum diesen zu öffnen. Als der Chefzöllner meine Stirnlampe sah, bemerkte er nur kurz: "Die will ich!". Ich hatte diese Taschenlampe schon seit Monaten nicht mehr benutzt, da zweimal die Batterien ausgelaufen sind und dadurch die Kontakte - trotz Reinigung - nicht mehr wirklich funktionierten. Ich willigte ein, diese Stirnlampe an den Chefzöllner zu übergeben unter der Bedingung, dass die Begutachtung meiner Habseligkeiten damit beendet sei und auch von Gendarmerie und Einwanderungspolizei keine weiteren Anfragen gestellt würden. Damit ging die Reise weiter, vorerst nach Faranah. Faranah ist die Heimatstadt des ersten guineischen Präsidenten (oder Diktators?) Ahmed Sékou Touré. Deshalb ging ich davon aus, dass ich in Faranah problemlos zu Geld kommen würde (Stichwort: Geldautomat), denn normalerweise zeichnen sich die Geburtsorte von afrikanischen Präsidenten durch ein gewaltiges Mehr an Infrastruktur aus. Dem war dann aber nicht so; was wiederum bedeutete, dass ich mit 500 Guinea Franc, also umgerechnet 5 Eurocent in der Tasche versuchen musste zu Geld zu kommen und in Faranah zu "überleben". Und in genau solchen Situationen kannst du Afrika nur lieben. Auf der Zollbehörde wurde mir mein Passagierschein fürs Auto ausgestellt, mit der Bemerkung, dass ich einfach wieder vorbeischauen soll, sobald ich zu Geld gekommen bin, um die Gebühr für das Autodokument zu entrichten. Auf dem Markt wurde ich über vier Tage gratis von den "Mamans" verköstigt, die sich natürlich sehr darüber amüsierten, dass ein Weißer kein Geld hat. Im "Callcenter" wurde immer Geld für mich gesammelt, damit ich meine Eltern anrufen konnte, um eine Geldüberweisung zu organisieren. Selbst die Betreiber meiner Herberge hatten kein Problem damit, dass ich Tag für Tag mit derselben Floskel antanzte und sie auf den nächsten Tag vertröstete. Natürlich hatte ich am Ende alle meine Schulden in Faranah getilgt. Es war aber schön diese Hilfsbereitschaft zu erleben. Mit nun wieder mehr als 500 Guinea Franc in der Tasche brach ich auf, um die Nigerquelle zu suchen. Dafür ging es Richtung Südosten über Tiro in das Dorf Banbaya.

Blick auf die Nigerquellregion
Von Banbaya waren es noch ca. 25 Kilometer zur Nigerquelle, aber ich sollte dort nie ankommen. Denn am Dorfausgang von Banbaya gab es eine Militärkontrolle, an der ich nicht vorbeikam. Natürlich ging es wieder darum, dass ich mich weigerte Geld zu bezahlen, damit mich das Militär passieren lässt. Die Situation artete so aus, dass man sich gegenseitig beschimpfte - ich hatte in Gabun glücklicherweise genug "primitives Französisch" gelernt, um in dieser niveaulosen Diskussion locker mitzuhalten. All meine Beschimpfungen zeigten keine Wirkung, bis zu jenem Zeitpunkt, als ich anbot den Chef der Gruppe wegen Korruption vor das Gericht in Faranah zu zerren. Dann wurde es plötzlich ruhig und zu meiner Verwunderung wurde ab dann versucht zu schlichten und eine weitere Eskalation zu verhindern. Die Militärs boten mir dann sogar an zu passieren. Ich war mir aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr sicher, ob dies eine gute Idee sei, da ich nach der Nigerquellenbesichtigung wieder an derselben Kontrolle vorbei müsste. Die Militärs hätten aber inzwischen zwei Tage Zeit, in denen sie nichts anderes zu tun hätten als sich neue Schikanen und vor allem eine entsprechende Retourkutsche zu überlegen. Folglich entschied ich mich umzudrehen und fuhr zurück nach Faranah.
Ich hatte für meine Reise durch Westafrika nur zwei Fixpunkte eingeplant; alles andere ließ ich offen. Beide Fixpunkte (Mount Cameroon und die Nigerquelle) schaffte ich nicht, was aber schlussendlich nichts an der Qualität meiner Reise geändert hat. Außerdem fiel mir auf, dass ich mehr und mehr Probleme mit Polizei, Zoll und Militär hatte, was wahrscheinlich zwei Gründe hat. Erstens ist die Freundlichkeit dieser Herren in Guinea oder Liberia nicht mit jener in Benin oder Ghana zu vergleichen und zweitens bin ich nach so vielen Monaten einfach schon ein wenig genervt, immer wieder die ewig gleichen stupiden Diskussionen zu führen - eine Erkenntnis, die meinen Aufenthalt in Guinea eher kurz halten sollte, und das obwohl ich alle nicht-offiziellen Kontakte in Guinea sehr genossen hatte. Von Faranah ging es dann nach Sidakoro, jenes Dorf von dem aus der Nationalpark Haut Niger betreten werden kann. Als ich dort ankam, war ich wirklich erstaunt. Am Parkeingang befand sich eine riesige Anlage mit ca. 40 Häusern (Unterkünfte für Touristen und Personal sowie Administrationsgebäude), die, soweit ich das recherchieren konnte, von der Europäischen Union finanziert wurde. Dass die Anlage sehr ungepflegt war und die Hausfassaden mehr aus Spinnweben als aus Verputz bestanden, ließ nichts Gutes ahnen. Mein Plan war, auf jeden Fall zwei Tage im Park zu verbringen und dafür machte ich mich auf die Suche nach einem Parkführer. Ein solcher war aber nicht zu finden, weshalb ich mich selbst auf den Weg machte. Ich hatte eine wunderschöne Wanderung im Nationalpark, mit einem kleinen Schreckmoment - für uns beide. Ich stand weniger als einen Meter entfernt von einem imposanten Nilwaran, mit ein wenig mehr als ein Meter Körperlänge. Mein Kopf war aber nach oben gerichtet, auf der Suche nach Affen und Vögel. Ich nahm den Waran also erst wahr, als dieser sich entschied zu flüchten. Naja und wenn so ein Monster sich direkt neben dir zu bewegen beginnt, bleibt einem schon mal kurz der Atem weg. Nach meinem kleinen Spaziergang durch einen kleinen Teil des Nationalparks ging ich wieder zurück zum "headquarter", in der Hoffnung einen Parkmitarbeiter zu finden. Dem war nicht so, aber ich traf auf eine "maman", die gerade von ihrer Plantage zurückkam. Obwohl mein Malinke alles andere als existent ist, konnte ich verstehen, dass der Park geschlossen sei und es verboten wäre eben diesen zu betreten.

Ein Senegalkiebitz (Vanellus senegallus) im Nationalpark Haut Niger

Ich bedauerte das sehr, freute mich aber zumindest eine kleine Wanderung unternommen zu haben und fuhr zurück nach Faranah, um von dort Richtung Mamou weiterzureisen. Obwohl ich doch ein wenig niedergeschlagen war, da weder die Nigerquelle noch der Nationalpark Haut Niger zu meiner Zufriedenheit funktionierten, hatte ich doch recht bald wieder ein Grinsen im Gesicht. Denn diese Fahrt von Faranah nach Mamou bedeutete, dass ich das Fouta Djallon betrat - neben der Grasslands in Kamerun und dem Atakora im beninisch-togolesischem Grenzland die bisher schönste Gegend meiner Reise. Ich fuhr über Dalaba und Pita nach Labé, also mitten durch das Herz des Fouta Djallon. Es war aber nicht nur die Landschaft, die mich fesselte, sondern vor allem auch die Menschen hier, die der Schönheit des Fouta Djallon um nichts nachstehen. Das Wort, das mir zu den Fulbe, den Bewohneren des Fouta Djallon einfiel, war "edel". Von Labé ging die Reise weiter nach Yambering und dann nach Mali, der höchgelegenen Ortschaft in Guinea.

Blick auf die Kleinstadt Mali am Ausgang des Fouta Djallon auf 1400 Meter gelegen
Hier konnte ich mich schon ein wenig an die Temperaturen gewöhnen, die mir dann noch in den Wüstennächten in Mauretanien und Marokko bevorstehen. Anscheinend gab es vor ein paar Jahrzehnten sogar Schneefall in Mali. Meine Abreise aus der Kleinstadt Mali Richtung Senegal sollte der Beginn eines weiteren Abenteuers werden. Von Mali ging es vorerst nach Kaouma, einem kleinen Dorf, das ich erst nach mehreren Umwegen fand. Kaouma ist zwar ein wirklich kleines Dorf mitten im Nirgendwo, gleichzeitig aber ein strategisch wichtiger Punkt, da hier die Straßen von Kédougou (Senegal), Mali und Koundara (beides wichtige Präfekturhauptstädte in Guinea) zusammenkommen. Diese Straßen als Straßen zu bezeichnen, ist ein wenig übertrieben, dennoch ist die Kreuzung in Kaouma eine sehr wichtige. Und obwohl das Dorf klein ist und die Kreuzung von Bedeutung, war es nicht so einfach diese Kreuzung zu finden. Das Problem war, dass die Straßen hier nicht mal Feldwegqualitäten hatten und im Prinzip jede Hauszufahrt, die Hauptstraße Richtung Senegal hätte sein können. Um das Ganze noch schwieriger zu gestalten, hatte es an diesem Tag heftig geregnet, was wiederum bedeutete, dass keine Menschen unterwegs waren, um nach dem Weg zu fragen. Folglich klopfte ich Kaouma an Haustüren, um rauszufinden, ob jener Feldweg, den ich für die Straße nach Senegal hielt, auch wirklich dieser war. Die ersten Personen, die ich fragte, konnten das auch sogleich bestätigen. Ich wies noch kurz darauf hin, dass es Sinn machen würde an einer solchen Kreuzung ein Schild aufzustellen. Daraufhin wurde mir geantwortet, dass es eh ein Schild gäbe. Um mich kurz von meiner Blindheit zu überzeugen, schaute ich nochmals Richtung Kreuzung, um das angesprochene Straßenschild zu finden. In diesem Moment kam aber dann auch schon der Nebensatz "aber es ist leider umgefallen" - und inzwischen unter Müll und Erde begraben. Und dann machte ich wieder einen Fehler, weil ich meinen Mund schon wieder nicht geschlossen halten konnte. Ich machte den Vorschlag, dass sie doch den Präfekten um einen Euro bitten sollen und dafür das Straßenschild wieder aufstellen könnten. Dies hatte zur Folge, dass die Menschen mich anstarrten, als hätte ich irgendein mathematisches Rätsel gelöst, an dem schon mehrere Meister der letzten Jahrhunderte gescheitert sind. Sofort wurden die Dorfältesten zusammengetrommelt, um diesen offensichtlich nicht unvernünftigen Vorschlag des Weißen, weiter zu besprechen. Ich war leider sehr unfreundlich und wohnte der weiteren Diskussion nicht bei, um mich wieder meiner Autofahrt zu widmen. Ich wusste ja, dass noch viele Kilometer vor mir lagen und ich wusste auch, dass die Qualität der Straßen sich vorerst nicht bessern würde. Die Reise ging also weiter über Lebekéré an die guineisch-senegalesische Grenze und von dort über Ségou (eine kleine senegalesische Ortschaft) nach Kédougou. Die Strecke von Mali (Guinea) nach Kédougou (Senegal) ist ein wenig mehr als 100 Kilometer lang; für die ich mehr als 10 Stunden benötigte. Dieser Abschnitt meiner Reise war der mit Abstand anstrengendste. Ein Großteil der Straße war kein Feldweg sondern führte einfach über loses Gestein, das nicht einmal mit Schritttempo bewältigt werden konnte. Zusätzlich waren die Steine und vor allem die Steinplatten aufgrund des Regens sehr rutschig. Dass dabei auch noch Gefälle von weit mehr als 10% auf diesem Untergrund zu bewältigen waren, half auch nicht wirklich weiter. Aufgrund des Regens und weil diese Autofahrt wirklich das Letzte von mir abverlangte, gibt es leider keine Fotos, obwohl die Gegend selbst wieder atemberaubend war und von einer Berg-/Hügelkette zur nächsten führte, wobei vor allem der Blick von der Spitze dieser Ketten hinunter in die Täler unbeschreiblich war. Zusätzlich gab es auch viel Flora und Fauna zu sehen - so wuselten ständig Gruppen von Guineapavianen um mein Auto rum, was das Fahren auch nicht einfacher machte. Sowohl bei der Ausreise aus Guinea als auch bei der Einreise in den Senegal gab es keine größeren Probleme. Ich gehe mal davon aus, dass man mir ansehen konnte, dass ich sowohl physisch als auch psychisch an meinen Grenzen war und deshalb keiner der Grenzbeamten mich in irgendwelche sinnlosen Diskussionen verwickelte. Außerdem brauchen Staatsbürger der Europäischen Union kein Visum für Senegal - der Grund, warum ich die guineische Hauptstadt Conakry zuvor nicht besucht hatte. Obwohl ich, wie schon erwähnt, bei meiner Ankunft in Kédougou leicht neben mir stand, bemerkte ich sofort, dass ich wieder einmal in eine neue Welt eintrat. Seit meiner Einreise nach Liberia war dies das erste Mal, dass meine Unterkunft Strom und fließendes Wasser vorzuweisen hatte. Ich glaube, ich führte mich auf, wie ein kleiner Dorfjunge, der zum ersten Mal in seinem Leben in eine größere Stadt kommt. Ich konnte es einfach nicht fassen, wie organisiert diese Stadt war und was für Infrastruktur aufgeboten wurde (siehe Wasser und Strom). Inzwischen habe ich mich ja wieder an diesen normalen Luxus gewöhnt, aber es bleibt trotzdem das Faktum stehen, dass der Senegal gleich hinter Ghana das bestentwickelte Land ist, das ich auf meiner Reise besuchte. Auch was Politik und Demokratieverständnis anbelangt ist dieses Land seinen Nachbarn meilenweit voraus (was aber auch nicht ganz so schwierig ist, wenn deine Nachbarn Guinea, Guinea-Bissau (und seit diesem Jahr leider auch wieder) Mali heißen), was sicher auch mit der Präsidentschaftswahl zu Anfang dieses Jahres zu tun hat. Diese Wahl führte dazu, dass der bisherige Präsident Abdoulaye Wade unter dem Druck der Öffentlichkeit faire Wahlen zulassen musste, um einen Bürgerkrieg zu verhindern und dass im zweiten Wahlgang eine überwältigende Mehrheit für seinen Kontrahenten Macky Sall stimmte. Ich hoffe sehr, dass Macky Sall versucht gute Politik für sein Land zu machen, denn die Voraussetzungen könnten nicht besser sein. Sein Rückhalt in der Bevölkerung ist unglaublich, was einerseits an seiner Popularität liegt, andererseits auch an dem klugen Schachzug andere beliebte Präsidentschaftskandidaten für sein Kabinett zu gewinnen. So ist zum Beispiel Youssou N'Dour neuer Minister für Kultur und Tourismus. Alleine nur um den Optimismus und die Aufbruchsstimmung, die derzeit im Senegal herrschen, mitzuerleben, war es wert dieses Land zu bereisen. Von Kédougou ging es weiter nach Dar Salam, von wo aus ich den Nationalpark Niokolo-Koba betrat. Niokolo ist einer der drei Flüsse im Nationalpark und Koba bedeutet Pferdeantilope auf Peul (Fulbe). Ich verbrachte vier wunderschöne Tage in diesem Park. Ursprünglich war der Plan, dass ich eine Nacht im Hotel Simenti, das malerisch auf einen Hügel direkt am Gambia gebaut wurde, und die restlichen Nächte im Zelt auf Außenposten verbringe. Nach meiner ersten Nacht im Zelt beschloss ich aber, dass das Zelt für die nächste Zeit keine Option mehr sein wird. Die Temperaturen in dieser Gegend lagen bei über 40 °C untertags und in der Nacht kühlte es nicht wirklich bedeutend ab. Im Hotel musste ich zumindest nicht auf der aufgeheizten Erde liegen. Was die Tiere anbelangt, war dieser Nationalpark das absolute Highlight meiner Reise. Eigentlich war es schon der vierte Tag (morgens) und ich damit auf dem Weg aus dem Nationalpark raus, als direkt neben der Straße ein Leopard lauerte. Ich konnte mein Glück kaum fassen und vor allem, dass der Leopard fast 10 Minuten sitzen blieb und überlegte, wie er auf unsere Ankunft reagieren sollte. Nach 10 Minuten entschied er sich dann leider doch „nachzugeben“ und trottete langsam davon. Ich fuhr schreiend weiter, weil ich es einfach nicht fassen konnte, dass ich einen Leoparden sehen durfte und während ich noch auf mein Lenkrad einhämmerte, überquerte blitzschnell etwas Hundeartiges die Straße. Während ich fragend ein "Schakal" artikulierte, flitzte auch schon der nächste vorbei und dann noch einer. Inzwischen war mir klar, dass die Fellfärbung nicht zu einem Schakal passte. Es waren drei Afrikanische Wildhunde, die auf der Jagd waren - soviel Glück an einem Tag! Abgesehen von den Raubtieren, ist der Nationalpark ein Paradies für Vögel. Obwohl die Regenzeit schon begonnen hatte, hatte diese noch nicht den entsprechenden Effekt auf viele der Wasserstellen. Dies bedeutete, dass aufgrund der geringen Wassermenge, die manche der Wasserstellen aufzuweisen hatten, diese bis nach oben hin mit Fisch gefüllt waren. Selbst die Adler, die auf Fischfang spezialisiert sind, wie zum Beispiel der Schreiseeadler, saßen nicht mehr auf den Bäumen an, sondern wateten wie die Reiher durch die Wasserstellen, um Fische einzusammeln. Neben den Vögeln und den Wiederkäuern, die diese Wasserstellen aufsuchten, konnte man hier eben auch die Fische beobachten, die sich aufgrund des Platz- und wahrscheinlich auch Sauerstoffmangels bis zu 30 Zentimeter aus dem Wasser katapultierten. Anbei die Liste meiner Sichtungen im Niokolo-Koba Nationalpark:

Säuger: Guineapavian (Papio papio), Husarenaffe (Erythrocebus patas), Westliche Grünmeerkatze (Cercopithecus sabaeus), Gestreiftes Borstenhörnchen (Euxerus erythropus), Graufußhörnchen (Heliosciurus gambianus), Goldschakal (Canis aureus), Afrikanischer Wildhund (Lycaon pictus), Zebramanguste (Mungos mungo), Leopard (Panthera pardus), Flusspferd (Hippopotamus amphibius), Warzenschwein (Phacochoerus africanus), Buschbock (Tragelaphus scriptus), Rotflankenducker (Cephalophus rufilatus), Bleichböckchen (Ourebia ourebi), Kob (Kobus kob), Wasserbock (Kobus ellipsiprymnus), Pferdeantilope (Hippotragus equinus).

Ein Graufußhörnchen (Heliosciurus gambianus) im Hotel Simenti
Mein erster freilebender Leopard (Panthera pardus)
Buschbockmännchen (Tragelaphus scriptus) von der Terrasse des Hotel Simenti aus fotografiert
Das Wappentier des Niokolo-Koba Nationalparks: die Pferdeantilope (Hippotragus equinus)

Vögel: Rosapelikan (Pelecanus onocrotalus), Graureiher (Ardea cinerea), Rallenreiher (Ardeola ralloides), Kuhreiher (Bubulcus ibis), Seidenreiher (Egretta garzetta), Silberreiher (Egretta alba), Hammerkopf (Scopus umbretta), Mangrovenreiher (Butorides striatus), Wollhalsstorch (Ciconia episcopus), Sattelstorch (Ephippiorhynchus senegalensis), Hagedasch (Bostrychia hagedash), Witwenpfeifgans (Dendrocygna viduata), Höckerglanzgans (Sarkidiornis melanotos), Sporngans (Plectropterus gambensis), Schreiseeadler (Haliaeetus vocifer), Palmgeier (Gypohierax angolensis), Höhlenweihe (Polyboroides typus), Gaukler (Terathopius ecaudatus), Graubürzel-Singhabicht (Melierax metabates), Heuschreckenbussard (Butastur rufipennis), Doppelspornfrankolin (Francolinus bicalcaratus), Felsenrebhuhn (Ptilopachus petrosus), Helmperlhuhn (Numida meleagris galeata), Mohrensumpfhuhn (Amaurornis flavirostris), Blaustirn-Blatthühnchen (Actophilornis africana), Kronenkranich (Balearica pavonina), Schwarzbauchtrappe (Eupodotis melanogaster), Wassertriel (Burhinus vermiculatus), Stelzenläufer (Himantopus himantopus), Krokodilwächter (Pluvianus aegyptius), Buntgoldschnepfe (Rostratula benghalensis), Spornkiebitz (Vanellus spinosus), Senegalkiebitz (Vanellus senegallus), Buschflughuhn (Pterocles quadricinctus), Guineataube (Columba guinea), Halbmondtaube (Streptopelia semitorquata), Röteltaube (Streptopelia vinacea), Palmtaube (Streptopelia senegalensis), Erzflecktäubchen (Turtur abyssinicus), Halsbandsittich (Psittacula krameri), Mohrenkopfpapagei (Poicephalus senegalus), Schwarzschwanz-Lärmvogel (Crinifer piscator), Jacobinkuckuck (Oxylophus jacobinus), Spornkuckuck (Centropus senegalensis), Zwergkönigsfischer (Ceyx pictus), Graufischer (Ceryle rudis), Graukopfliest (Halcyon leucocephala), Zwergspint (Merops pusillus), Rotkehlspint (Merops bullocki), Zimtroller (Eurystomus glaucurus), Opalracke (Coracias cyanogaster), Senegalracke (Coracias abyssinicus), Grautoko (Tockus nasutus), Rotschnabeltoko (Tockus erythrorhynchus), Nördlicher Hornrabe (Bucorvus abyssinicus), Senegalfurchenschnabel (Lybius dubius), Kleine Streifenschwalbe (Hirundo abyssinica), Graubülbül (Pycnonotus barbatus), Schuppenkopfrötel (Cossypha albicapilla), Pirolsänger (Hypergerus atriceps), Senegaldrongoschnäpper (Melaenornis edolioides), Grauschnäpper (Muscicapa striata), Weißaugendrossling (Turdoides reinwardtii), Elfennektarvogel (Cinnyris pulchellus), Goldschnabelwürger (Corvinella corvina), Goldscheitelwürger (Laniarius barbarus), Trauerdrongo (Dicrurus adsimilis), Piapia (Ptilostomus afer), Purpurglanzstar (Lamprotornis purpureus), Grünschwanzglanzstar (Lamprotornis chalybaeus), Langschwanzglanzstar (Lamprotornis caudatus), Zwergweber (Ploceus luteolus), Orangebäckchen (Estrilda melpoda), Schmetterlingsfink (Uraeginthus bengalus), Senegalamarant (Lagonosticta senegala), Mosambikgirlitz (Serinus mozambicus) und weitere Vögel (vor allem Raubvögel), die ich nicht zu bestimmen vermochte.

Witwenpfeifgänse (Dendrocygna viduata) im Mare de Simenti
Senegalracke (Coracias abyssinicus)
Ein männliches Exemplar eines Nördlichen Hornraben (Bucorvus abyssinicus)
Ein Orangebäckchen (Estrilda melpoda) auf dem Weg zum Wassertrinken

Reptilien: Nilkrokodil (Crocodylus niloticus), Siedleragame (Agama agama), Nilwaran (Varanus niloticus), Steppenwaran (Varanus exanthematicus), Tropischer Hausgecko (Hemidactylus mabouia).

Nilkrokodile (Crocodylus niloticus) am Ufer des Gambia
Ein Steppenwaran (Varanus exanthematicus), wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich dieses Tier richtig bestimmt habe.

Restlos zufrieden mit meinem Nationalparkaufenthalt ging es zurück nach Dar Salam und von dort nach Tambacounda. Von Tambacounda ging es dann noch für eine Stipvisite in die Casamance. Ich fuhr über Vélingara und Kounkané in das Dorf Medina Schérif. Der Österreichische Auslandsdienst, jener Verein über den ich 2005/2006 meinen "Zivilersatzdienst" in Gabun geleistet hatte, hat eine neue Sozialdienststelle in Medina Chérif, die den Aufbau und die Unterstützung des täglichen Betriebs einer Krankenstation vor Ort zum Ziel hat. Der Tiroler Matthias Zeilerbauer wird dort ab 1. August 2012 als erster Österreicher seinen Auslandsdienst leisten. Ich wollte eigentlich mit den Projektleitern von Hope'87, die für die Krankenstation verantwortlich zeichnen, reden. Leider war keiner von den Projektverantwortlichen vor Ort. Ich bin aber auch unangemeldet dort aufgekreuzt. Nichts desto trotz unterhielt ich mich mit dem Dorfchef, Django Balde und anderen "Notables" des Dorfes, allen voran dem Lyriker Abdourahmane Diallo, der einen Gedichtband zur politisch schon seit Jahrzehnten unruhigen Region Casamance veröffentlichte: "Les marécages de la paix".

"Réunion" in Medina Schérif mit dem Lyriker Abdourahmane Diallo (rechts von mir)

Nach einem sehr lehrreichen und unterhaltsamen Nachmittag ging es zurück nach Tambacounda und von dort über Koussanar, Koumpentoum, Koungheul, Kaffrine, Kaolack und M'bour nach Dakar. Zwischen Kaffrine und Kaolack half ich ein Auto abzuschleppen. Wie sich dann herausstellte gehörte das Auto einem gewissen Herrn Aliou, der in der Gegend viele Mikrokreditprojekte betreute. Da ich natürlich wie immer sehr interessiert an solchen Projekten war, fuhr er bei mir im Auto mit und wir unterhielten uns stundenlang über den Senegal und seine Perspektiven. Nachmittags wurde ich dann von seiner Familie zum Essen eingeladen und da ich den Großteil meiner Kleider anstatt zu tragen auch gleich in eine Mülltonne stopfen könnte, wurde ich auch noch mit neuen Klamotten eingedeckt. Denn, wie sich des Weiteren herausstellte, ist Aliou Designer mit seinem eigenen Label "Kaay Fii" und unter anderem wir Youssou N'Dour von ihm eingekleidet. Damit kann ich nun in Dakar anstatt mit meinen verdreckten Kleidungsstücken, mit hippen Designerklamotten rumlaufen. Und Dakar selbst ist eine richtig coole Stadt. Schon bei meiner Ankunft und meiner ersten Fahrt durch Dakar war ich unglaublich angetan von dieser Stadt. Ich entschied aber vorerst meinen nächsten Blogeintrag zu schreiben, bevor das große Dakar-Sightseeing beginnt. Das heißt die Details zu Dakar gibt es dann im nächsten Blogeintrag, der wahrscheinlich aus Marokko geschrieben werden wird. Von Dakar werde ich nämlich nach St. Louis und Rosso an die mauretanische Grenze fahren, von wo aus es etwa 1000 Kilometer an der Atlantikküste entlang nach Norden gehen wird. Zwischen mir und dem europäischen Kontinent liegen nach nun fast acht Monaten Autofahrt nur noch ganz viel Sand und etwas Wasser.