Samstag, 21. Januar 2012

Von Nigeria nach Benin

Da nun klar war, dass Nigeria ab Montag den 9. Jänner bestreikt werden würde, machte ich mich am Sonntag davor vom Acker. Aus Abuja rauszukommen, war aber gar nicht so einfach. So fuhr ich eine Stunde lang kreuz und quer auf den Stadtautobahnen rum, bis ich endlich die richtige Abfahrt gefunden hatte. Innerhalb der Stadt war Abuja ja die Ausnahme von der Regel, dass es in Nigeria keine Straßenschilder gibt. Sobald man aber auf einen der sogenannten „express highways“ gelangte, gab es keine Schilder mehr. Mein Kompass half auch nicht viel, da man zum Beispiel, um die Abfahrt nach Norden zu finden, erst Richtung Osten fahren musste. Und, solche „insider“-Informationen hatte ich als Ausländer natürlich nicht. Trotzdem fand ich dann aber nach einer Stunde meine Straße nach Suleja, von wo aus ich über Bida nach Mokwa fahren wollte. Ich schreibe „fahren wollte“, weil ich kurz nach Suleja eine Kreuzung übersehen haben muss. Deshalb fuhr ich vorerst mal Richtung Norden nach Minna, um dann über eine andere Straße zurück nach Bida zu gelangen. Als ich in Bida ankam, war es aber schon später Nachmittag, weshalb ich mich entschied meinen ersten Streiktag eben in Bida zu verbringen. Abgesehen von dem „Sich Verfahren“ gab es noch einen zweiten Grund, warum ich mit ziemlicher Verspätung in Bida ankam. Ich befand mich inzwischen im „Niger State“, eine von vier Regionen, in denen aufgrund der Anschläge von Boko Haram der Ausnahmezustand ausgerufen worden ist. In der Realität bedeutete das, dass ich mich im 15-Minuten-Takt von einer Militärkontrolle zur nächsten vorarbeitete.

Am Montag begann dann der Streik, was in Bida bedeutete, dass diese Kleinstadt einfach menschenleer war. Obwohl ich den Grund für den Streik absolut nachvollziehen konnte, war die ganze Aktion für mich doch eher unangenehm. So hatte ich mir bei der Ankunft in Bida einen Nagel eingefahren, weshalb ich mein Auto am Montag in der Früh mit einem platten Hinterreifen vorfand. Also, musste ich in der Geisterstadt nach einem Mechaniker suchen, der bereit war den Streik zu brechen. Dieses Vorhaben war dann gar nicht so schwierig, weil ab dem späteren Vormittag sich mehr und mehr Leute Gedanken darüber machten, was sie am Abend essen sollten, wenn sie den ganzen Tag streiken und damit kein Geld verdienen. Ab Mittag begann dann das Leben zu einer gewissen Normalität zurückzufinden: mein Reifen wurde geflickt, ich konnte Diesel tanken (Die Tankstellen haben schon vorausahnend Treibstoff in große Kanister abgefüllt, und anstatt vorne an der Zapfsäule zu tanken, wurde einfach hinter der Tankstelle der Diesel aus den Kanistern ins Auto gepumpt.) und ich konnte einkaufen (Die Türen der Greisler waren zwar nach wie vor geschlossen, aber eben nicht mehr zugesperrt!). Am Nachmittag tauchten dann aber die Gewerkschaftsfunktionäre auf und setzten dem Treiben ein Ende – vorerst. Denn, als es dunkel wurde, und jene, die nichts sehen sollten, nichts mehr sehen konnten, wurden wieder alle Geschäfte geöffnet. Trotzdem, als ich in den Abendnachrichten vernahm, dass der erste Streiktag sowohl in Lagos als auch in Kano Todesopfer forderte, entschied ich mich Nigeria unverrichteter Dinge (Es gab noch viele Orte, die ich mir eigentlich ansehen wollte.) zu verlassen und in den Benin überzusetzen. Am Dienstag früh ging es dann los. Der Plan war nach Mokwa zu fahren und von dort auf dem Highway Richtung Süden (Jebba), um dann über Abeokuta (Ich wollte es vermeiden in den Großraum Lagos zu geraten.) an die Grenze zu gelangen. Naja, das war mein Plan und am Dienstag in der Früh wusste ich noch nicht, dass meine Ausreise aus Nigeria zum großen Abenteuer werden sollte. Als ich mich vom Osten der Stadtgrenze von Mokwa näherte, stand ich plötzlich vor einer Straßensperre. An dieser Straßensperre gab es weder Polizei noch Militär, dafür aber eine Horde von ca. 20 bis 30 mit Holzprügeln bewaffneten Jugendlichen. Naiv wie ich bin, wendete ich nicht sofort das Auto, sondern stieg aus, um mit den Jugendlichen in Verhandlungen zu treten. Nach etwa 30 Minuten hatte ich die ganze Mannschaft beruhigt und erhielt, ohne irgendwelche Schmiergelder zu bezahlen, die Sondererlaubnis zu passieren. Als dann aber die Straßensperre für mich geöffnet wurde und ich durchfahren wollte, warfen sich zwei Jugendliche, die es sich offensichtlich anders überlegt haben, vor mein Auto. Also wendete ich schlussendlich doch und fuhr zurück. Durch die Straßensperre waren die Zufahrten nach Süden und nach Westen versperrt. Zurück in den Osten zu fahren, wäre kontraproduktiv gewesen; also blieb mir nur der Weg Richtung Norden (Grenzgebiet Nigeria/Niger), was ich ursprünglich vermeiden wollte. Mein Weg führte nun von Mokwa über Kontagora nach Yawri. In Yawri sollte es laut meiner Karte wieder eine Straße geben, die Richtung Westen, also in den Benin reichte. Leider gelangte ich aber wieder nicht bis zu dieser Zufahrt zu der nach Westen führenden Straße, da vor der Stadtgrenze von Yawri wieder eine Straßenblockade errichtet worden war. Diese Sperre wurde leider nicht von grölenden Jugendlichen kontrolliert, sondern von ganz biederen Gewerkschaftsfunktionären, mit denen ich mich aber einfach zum Spaß trotzdem noch angelegt habe – ja was wäre Afrika ohne diese schönen und vor allem hitzigen Diskussionen. Etwas ratlos fuhr ich dann zurück in die letzte Ortschaft, durch die ich auf meinem Weg nach Yawri gefahren bin. Und wie fast immer, wenn du in Afrika vor einem unlösbaren Problem stehst, ergibt sich irgendwie eine Lösung. Ich wurde darüber informiert, dass ich nicht unbedingt nach Ywari fahren musste, um auf diese ominöse Straße Richtung Benin zu gelangen. Es gab offenbar auch eine Sandpiste, die von den Einheimischen als Abkürzung verwendet wird, um eben nicht nach Yawri fahren zu müssen, aber trotzdem in die Dörfer entlang der Grenzstraße zu gelangen. Folglich machte ich mich wieder auf den Weg. Ich fand diese Sandpiste sofort und gelangte nach Semale, wo ich wieder auf den offiziellen Teil der Grenzstraße auffuhr. Von Semale ging es dann nach Zemari, das am Niger liegt. Meine Freude darüber zum ersten Mal in meinem Leben den Nigerfluss zu sehen, hielt aber nicht lange an. Ich musste diesen Fluss ja auch überqueren, und eine Brücke war weit und breit nicht zu sehen. Auf der anderen Uferseite gab es zwar eine Autofähre, aber Nigeria befand sich ja im Streik. Es wurde mir dann empfohlen nach Yawri zurück zu fahren, um dort zu übernachten. Mein Hinweis darauf, dass die Situation am nächsten Tag ja keine andere sein wird, wurde kopfnickend akzeptiert. All diese Diskussionen waren aber recht schwierig, da vielleicht einer von zehn Englisch redete und vielleicht einer von dreißig Englisch verstand! Mein häufigster Ausspruch an diesem Abend: „No Hausa!“. Die häufigste Antwort, die ich bekam: „No English“! Auf jeden Fall beschloss ich, das Flussufer nicht mehr zu verlassen, bis ich auf die andere Seite übergesetzt habe – manchmal muss man einfach mit dem Kopf durch die Wand. Und diese Entscheidung sollte sich noch auszahlen, denn gegen 18:00 ging die Sonne langsam unter, und ich durfte einen unglaublich kitschig-schönen Sonnenuntergang mitten im Nirgendwo am Ufer des Nigers erleben.

Im Laufe des Abends erfuhr ich dann, dass die Fährleute eigentlich unfreiwillig streikten. Anscheinend kamen die Gewerkschaftsfunktionäre regelmäßig vorbei, um zu kontrollieren, ob auch wirklich nicht gearbeitet wird. Und wie schon in Bida, musste ich auch hier in Zemari feststellen, dass dieser Streik für einen Großteil der NigerianerInnen eher belastend war. Im Gegensatz zu den Großstädten wie Lagos und Abuja, wo ein Großteil der Streikenden am Monatsende ganz normal seinen Monatslohn in Empfang nehmen wird, wussten die Menschen im Rest des Landes nicht, was sie und ihre Familien am Abend essen sollten, wenn sie untertags nicht das entsprechende Geld für Nahrungsmittel verdienten. Die Gewerkschaftsfunktionäre, mit denen ich schon am Nachmittag in Yawri eine nette Diskussion hatte, hatten „vollstes Verständnis“ für dieses Problem und drohten jeden Streikbrecher ausnahmslos vors Gericht zu stellen. Das schöne ist, dass es egal ist, wo man ist, das Phänomen Blödheit ist immer und überall anzutrefen: Ein Hausa, der sein ganzes Leben nur Rinder gehütet hat und eventuell in seinem ganzen Leben noch nie in einem Auto gesessen hat, soll nun einen Benzinpreisstreik unterstützen, anstatt seine Rinder und Esel zu den entsprechenden Wasserstellen zu führen. Wie auch immer, es wurde Nacht und ich wartete noch immer – sehr zur Freude der Kinder von Zemari, die mich schon seit meiner Ankunft in diesem Dorf auf Schritt und Tritt begleiteten. Um 21:30 waren dann Motorengeräusche auf dem Niger zu hören und kurze Zeit später fuhr ich, gemeinsam mit 4 weiteren Autos/Lastwägen, die dieselbe abwartende Strategie verfolgten, auf die Nigerfähre auf. Diese Nigerüberquerung war ein weiteres spannendes Erlebnis: nachts auf einer unbeleuchteten Fähre (man musste sich ja immer noch versteckt halten) den Niger zu überqueren. Ich selbst verlor mich im afrikanischen Sternenhimmel und überlegte, wie oft ich diesen Fluss auf meiner Reise durch Westafrika wohl noch überqueren werde.

Sonnenuntergang am Niger
Auf der anderen Seite angekommen, begann das nächste Abenteuer. Auf der Westseite des Niger warteten ca. 30 komplett überladene Lastwägen auf die Fähre. Es war gerade Erntezeit in Nigeria! Die Fähre konnte maximal 4 Lastwagen pro Fahrt mitnehmen. Folglich wurde natürlich gedrängelt, was ging. Dieses Vordrängeln führte aber dazu, dass die Zu- und Abfahrt für die Fähre mit Lastwägen verstopft war. Obwohl ich eigentlich auf der Fähre zwischen den anderen Autos und LKWs eingezwängt war, wurde so umrangiert, dass ich als erster abfahren „durfte“. Grund dafür war, dass ich anscheinend das beste Auto hatte und ich deshalb für alle einen Weg durch den Niger finden sollte, um auf das Ufer aufzufahren. Doch etwas unsicher ließ ich mein Auto in den Niger „gleiten“, kämpfte mich durch die angrenzenden „Sümpfe“ und fand mit Hilfe der unzähligen Einweiser (die LKW-Fahrer hatten ja sonst nichts zu tun) einen Weg auf die Straße. Im Nachhinein war ich froh als erster gefahren zu sein, da der LKW nach mir in einem der Sumpflöcher, das ich noch mit viel Mühe aber dennoch erfolgreich durchquerte, steckenblieb – und das alles mitten in der Nacht. Auf der andern Seite angekommen wurde ich informiert, dass ich schon vom König von Agwara erwartet werde. Also übernachtete ich halt schon wieder bei einem König – ich will hier nicht arrogant erscheinen, aber schön langsam verlor diese ganze Königs-Sache seinen Reiz.

Obwohl ich doch etwas erschöpft war, ging es am nächsten Tag sehr früh weiter. Ich wollte unbedingt in den Benin; auch deshalb, weil ich jetzt in einer sehr abgelegenen Region unterwegs war und nicht mehr mitbekam, wie sich die Situation im Rest des Landes entwickelte. Von Agwara sollte es dann über die Sandstraße in die Republik Benin, genauer gesagt nach Ségbana gehen. Von Agwara nach Ségbana sind es ungefähr 135 Kilometer. Ich brauchte für diese Strecke über 6 Stunden, weil ich mich mal wieder verfuhr. 
Wahrscheinlich eine der wichtigsten Kreuzungen in Nigeria, an der ich mich aufgrund der Autospuren auch nicht verfahren habe.
Das „Sich-Verfahren“ hatte aber in diesem Fall ganz andere Konsequenzen. Das Problem war nämlich nicht, dass ich einfach in die falsche Richtung fuhr; das Problem war, dass es keine Straße, sprich keine Sandpiste mehr gab. Deshalb fuhr ich dann eben stundenlang im nigerianischen Busch herum, auf der Suche nach der beninischen Grenze. Die Suche wurde wiederum durch zwei weitere Probleme erschwert: Erstens, ein schon bekanntes Problem, wenn ich auf Menschen traf und versuchte diese nach dem Weg zu fragen, musste ich den Begriff nigerianisch-beninische Grenze öfters pantomimisch darstellen, da sich keine gemeinsame Sprache finden ließ. Wenn sich eine gemeinsame Sprache fand, freute ich mich ungemein, wenn dies Französisch war und eben nicht Englisch, wissend, dass ich auf dem richtigen Weg war. Das zweite Problem war eigentlich kein Problem, sondern nur eine Frage meiner eigenen Bequemlichkeit. Seit ich Gabun verlassen habe, habe ich schon dutzende male nach dem Weg gefragt. Dafür musste ich bis zu diesem Tag einfach nur rechts ranfahren, Fenster runterlassen und nach dem Weg fragen. Im Grenzgebiet zwischen Nigeria und Benin funktionierte das nicht mehr, weil der Großteil der wenigen Menschen, die ich antraf auf Kamelen unterwegs war, und ich im Auto sitzend, wissend, dass meine pantomimischen Kenntnisse gleich wieder gefragt sind, die auskunftgebende Person einfach nicht sehen konnte. Also musste ich jedesmal aussteigen, um nach dem Weg zu fragen, und meinen „Wo-ist-den-bloß-die-Grenze-Tanz“ für Kamel und Reiter vorführen. Während der Fahrt war ich doch recht angespannt, auch deshalb, weil meine Treibstoffreserven langsam dem Ende zugingen (also auch jene Reserven, die ich hinten im Laderaum in Kanistern mitführte!). Heute denke ich schmunzelnd an diesen Tag zurück; auch wie ich über Fahrad-/Mopedwege in die ersten beninischen Dörfer gelangte und mein Auto zwischen den Rundhütten durchmanövrierte. In Ségbana angelangt, musste ich feststellen, dass die Stadt viel kleiner war, als ich es mir ausgemalt hatte. Als ich bei der Polizei vorstellig wurde, wollte ich zuerst auf die Frage, warum ich nicht den offiziellen Grenzübergang benutzt habe, um meinen Einreisestempel zu erhalten, einfach nicht antworten, um die Contenance nicht zu verlieren. Ich atmete dann aber einfach einmal tief durch und erzählte von meiner Geschichte „auf der Suche nach der Grenze“. Und bereits in Ségbana bei der Polizei konnte ich über meine Strapazen lachen. Leider konnte die Polizei in Ségbana ihren Einreisestempel nicht finden, weshalb mein Pass nun einfach eine handschriftliche Notiz aufweist, dass ich am 11. Jänner in den Benin eingereist bin und eben bei der Polizei in Ségbana vorstellig wurde. Um die Zollangelegenheiten zu regeln, sprich meinen Passagierschein für den Benin zu lösen, wurde ich von der Polizei nach Kandi geschickt, wohin ich noch am selben Tag fuhr, um dort festzustellen, dass es dort gar keine Zollbehörde gibt. Am nächsten Tag wurde dann vor allem geschlafen, um anschließend über Bembéreké nach N'Dali zu fahren, wo laut Gendarmerie von Kandi der Zoll sitzt. Ich habe die Zollbehörde dann auch gefunden, um zu erfahren, dass sie für meinen Passagierschein nicht zuständig sind. Folglich fuhr ich weiter nach Parakou, wo mein Auto schließlich legalisiert wurde und ich einen neuen Satz Reifen kaufte. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich seit meiner Ankunft in Nigeria Reifen wechselte und reparieren ließ. Aber nachdem ein weiterer Reifen zwischen Ndali und Parakou von einem Stein regelrecht zerfetzt wurde, entschied ich mich einen neuen Satz zu kaufen. Zum Thema Reifenwechseln kann ich nur sagen, dass ich bisher noch nie weitergekommen bin, als die Schrauben zu lockern und den Wagenheber anzusetzen. Spätestens dann gab ich allen Diskussionen darüber, dass Reifenwechseln keine Arbeit für einen Weißen ist, nach und übergab die Arbeit an einen der Schaulustigen. Von Parakou ging es über Tchaourou, Savé, Dassa-Zoumé, Paouignan und Bohicon in die Hauptstadt Cotonou, wo mein Auto seit einer Woche in der Garage ist. Ursprünglich wollte ich den Kühler wechseln. Da ich in Cotonou aber keinen Originalkühler gefunden habe, wurde dieses Problem vorerst nicht behoben. Dennoch gab es genug zu tun: Radaufhängungen (vorne links und rechts) sowie Klimaanlage. Das Problem mit der Klimaanlage hätte mir eigentlich egal sein können, aber der Gedanke an Länder wie Mali und Mauretanien überzeugte mich dann doch, das Problem beheben zu lassen. Nächste Woche geht es dann zurück in den Norden dieses Landes, um mich anstatt den Autoproblemen den Nationalparks zu widmen.


Freitag, 6. Januar 2012

Von Kamerun nach Nigeria

Nach der überstandenen Malaria ging es vorerst weiter auf der sogenannten "ring road". Von Bamenda führte die Fahrt über Bafut und Wum nach Weh. Weh ist der Geburtsort von Papa Teh Muh (siehe letztes Post), der mich eben dorthin eingeladen hat. Nachdem ich mich im Haus von Papa Teh und seiner Frau einquartiert hatte, wurde ich auch sogleich auf eine traditionelle Feier, die zufälligerweise von Papa Teh geleitet wurde, eingeladen. Ich verstand bei weitem nicht alle Teile der Zeremonie, aber es ging in etwa darum, dass die Familie der Erstfrau des Neffen von Papa Teh nach Weh kam, um ihr Einverständnis für die Vermählung, das die Familie vor 5 Jahren gegeben hat, zu bestätigen. Es wurde geschlachtet (Antilope und Schwein), gekocht, gegessen und vor allem viel Palmwein getrunken. Die verschiedenen Gänge des zweitägigen Menüs wurden abwechselnd von der Familie der Frau und der Familie des Mannes zubereitet und aufgetischt. Jene Fraktion, die nicht fürs Kochen zuständig war, bestätigte durch das Annehmen der Speisen die Verbindung des Ehepaares. Wie auch immer, ich stopfte mir den ganzen Abend den Bauch voll, was nach meiner Malariaerkrankung sicher nicht das Schlechteste war. Beim Palmweintrinken hielt ich mich zurück, wenn gleich ich beim Herumreichen des Gemeinschaftsbechers nicht immer verweigern konnte. Nachdem alle schon gut angeheitert waren, begannen die Frauen ums große Feuer zu tanzen. Leider habe ich von diesem wunderbaren afrikanischen Abend keine Fotos, da ich die Kamera im Auto vergessen hatte. Um Mitternacht gab ich w.o., da ich nach der Malaria noch nicht ganz bei vollen Kräften war. Interessanterweise hat sich der Bräutigam beim Verabschieden noch dafür bedankt, dass ich anwesend war. Der Weiße gehörte ja ganz offiziell zur Familie des Bräutigams, was anscheinend mächtig Eindruck auf die Familie der Braut gemacht haben dürfte. Am nächsten Morgen nahm ich die große "ring road" sehr früh in Angriff.

Straßenschild in Kamerun
Sonnenaufgang über den "grassfields"
Die Landschaft entlang der "ring road" wird als "grassfields" bezeichnet. Ich kann nur sagen, dass ich beim Durchfahren der "grassfields" richtig Heimweh in den Bregenzerwald bekam: hügelige Graslandschaften, die in wunderschöne Waldstücke übergehen - also wie zuhause. Die Reise führte von Weh über Nkambe und Kumbo nach Jakiri. Der Lonely Planet für Westafrika empfiehlt den Hauptteil der Strecke zwischen Weh und Nkambe in einem zweitägigen Fußmarsch zurückzulegen, da die Qualität der Straße zu wünschen übrig lässt. Ich fuhr die Strecke dennoch mit dem Auto ab, und kann nun diese Empfehlung vom Lonely Planet nachvollziehen.

Die Wasserfälle von Metschum (entlang der "ring road")

In Jakiri bog ich dann von der "ring road" ab, um die Straße nach Foumban zu nehmen. Nach 20 km auf der Straße Jakiri-Foumban war ich aber zum Umkehren gezwungen, da sich drei LKWs dafür entschieden die Straße vorübergehend als Parkplatz zu benutzen.

Auf der Fahrt von Jakiri nach Foumban
Folglich drehte ich kurzerhand um und fuhr zurück nach Jakiri, um die "ring road" über Ndop zurück nach Bamenda abzuschließen. Am darauffolgenden Tag ging es von Bamenda über Bafoussam, Bangangté, Tonga, Bafia und Obala in die Hauptstadt Yaoundé. In Yaoundé wollte ich zwei Angelegenheiten regeln: Visum für Nigeria und Verlängerung des Visums für Kamerun. Das Visum für Nigeria wurde ohne Probleme ausgestellt, die Verlängerung des Visums für Kamerun wurde leider abgelehnt. Ich muss aber zugeben, dass ich selbst Schuld daran bin, dass das Visum abgelehnt wurde. Die Polizistin von der Kameruner Einwanderungsbehörde, die meinen Antrag entgegennahm, bot mir an eine inoffizielle Gebühr von 50.000 CFA zu bezahlen. Im Gegenzug dafür würde sie mir ein Ausreisevisum mit dem von mir gewünschten Datum ausstellen. Nachdem ich es nicht schaffte der Dame zu erklären, dass ich kein Ausreisevisum bräuchte, da dieses nur von Personen mit einer Aufenthaltsgenehmigung für Kamerun beantragt werden muss, sondern eben eine Verlängerung für meines Touristenvisums, konzentrierte ich mich auf die Gebühr von 50.000 CFA und hielt vor versammelter Mannschaft der Einwanderungsbehörde einen Kurzvortrag zum Thema Korruption. Natürlich war mir klar, dass ich damit jegliche Türen schloss, gleichzeitig war es aber notwendig ein wenig Dampf abzulassen.

Mit dem Visum für Nigeria in der Tasche ging es dann wieder zurück Richtung Norden. Um nicht dieselbe Route zurückzufahren, bog ich in Obala ab, um über Batchenga nach Ntui zu gelangen. Zwischen Batchenga und Ntui verläuft der Fluß Djim und um diesen zu überqueren gibt es gleich zwei Möglichkeiten: eine Brücke und eine Fähre. Die Brücke existierte nur noch in Bruchstücken und für die Reparatur der Fähre fehlte das Geld. Laut Information der Dorfbevölkerung gab es die Möglichkeit zurück nach Obala zu fahren und über Sa'a nach Ntui zu gelangen. Diese Strecke konnte ich aber auf keiner mir zur Verfügung stehenden Straßenkarte finden. Außerdem hatte ich nach der Fährengeschichte entschieden, anstatt mich direkt in den Norden zu begeben, doch noch - wie ursprünglich geplant - die Königsstadt Foumban zu besuchen. Also fuhr ich zurück nach Batchenga und Obala, um über Bafia, Tonga, Bangangté und Foumbot nach Foumban zu gelangen. In Foumban besuchte ich den Königspalast und das dazugehörende Museum, das eine beeindruckende Ausstellung von Artefakten aus dem Königreich Bamum beherbergt - einige der Masken, Kronen etc. werden nach wie vor für diverse Zeremonien verwendet. 

Palast des Mfon von Foumban

Ich "schmuggelte" mich dann unter eine Gruppe Franzosen und Kameruner, um an einer offiziellen Führung teilzunehmen. Diese entpuppte sich dann als Glückstreffer, denn als uns der Museumsführer über die Geheimgesellschaft informierte, die die Politik des Königs von Foumban überwachte, stellte sich raus, dass einer der Kameruner in unserer Touristengruppe Mitglied eben dieser Geheimgesellschaft ist. Ja und dieser "Geheimbündler" war auch willens einige Interna mit uns zu teilen. Der zweite Glückstreffer war die Tatsache, dass der König an diesem Tag von seiner Wochenendresidenz zurückkam und zwar genau zu dem Zeitpunkt als ich das Museum verließ. Leider sind alle Fotos vom König fehlerhaft.

Die königliche Tanzgruppe feiert die Rückkehr des Königs
Da ich nicht mehr viel Zeit in Kamerun zur Verfügung hatte, versuchte ich so schnell wie möglich in den Norden zu fahren, wo sowohl der Tschadsee als auch der Waza-Nationalpark noch auf meinem Programm standen. Von Foumban ging es dann weiter über Mayo Darlé, Banyo, Tibati, Malarba, Mambal, Beka, Ngaoundéré und Ngong nach Garoua. 

Auch wenn die Zeit drängt, manche Fußgänger müssen trotzdem fotografisch festgehalten werden.

Leider kam ich nicht in Garoua an, da mein Auto einige Kilometer vor Ngong Kühlflüssigkeit zu verlieren begann. Der Zeitpunkt für dieses Problem hätte nicht ungünstiger sein können, denn es war der 24. Dezember und später Nachmittag. Also machte ich mich in Ngong auf die Suche nach einem muslimischen Mechaniker, der keine Ambitionen hatte die Christmette aufzusuchen. Papa Oumarou arbeitete bis spät abends, um das Leck in meinem Kühler zu reparieren. Am darauffolgenden Tag wurde das Auto nochmals getestet und für gut befunden. Folglich nahm ich die Reststrecke von Ngong nach Garoua in Angriff und fuhr dann gleich weiter nach Maroua. Ich hatte ja nur noch für drei Tage ein gültiges Visum für Kamerun. Leider verlor ich in Sergwel, einem kleinen Dorf 70 km nördlich von Garou, das gesamte Kühlwasser. Papa Oumarou, der mich noch bis Garou begleitet hatte, wurde sofort kontaktiert und nach Sergwel beordert. Die Fahrt von Papa Oumarou von Garou nach Sergwel (70 km) dauerte nicht weniger als 7 Stunden. Ich nutzte die 7 Stunden, um mich wieder mal beim hiesigen König vorzustellen, da ich ja keine Ahnung hatte, wie lange mein Aufenthalt in der Metropole Sergwel dauern würde, und, um Kontakte mit der lokalen Bevölkerung zu knüpfen.

Mechaniker und angehende Mechaniker in Sergwel
Zu Gast bei einer Familie in Sergwel
Drei Tage später - der Kühler wurde nochmals repariert und der ganze Motor auseinandergenommen - um 12:00 war mein Auto wieder fahrtauglich. Dies war auch mein letzter legaler Tag in Kamerun. Und, um weiteren Problemen aus dem Weg zu gehen, fuhr ich zurück nach Garoua und dann nach Demsa, um von dort nach Belel, Nigeria überzusetzen.

Grenzübergang: Kamerun - Nigeria
Aufgrund der Anschläge von Boko Haram in der Weihnachtsnacht in mehreren Städten in Nigeria, wollte ich eigentlich nicht zu weit im Norden (sprich in den Hausa-Gebieten) nach Nigeria einreisen; aufgrund meines Zeitmangels war es dann aber doch notwendig. Inzwischen bin ich aber seit über einer Woche in Nigeria und ich hatte nicht irgendeine kleine Diskussion/kleines Problem mit der Bevölkerung oder der Polizei/Militär. Der Passagierschein für Nigeria wurde ohne große Diskussionen ausgestellt und noch verblüffender ohne, dass ich auch nur einen Naira dafür bezahlen hätte müssen. Natürlich gibt es aufgrund der Anschläge bedeutend mehr Polizei- und Militärkontrollen auf der Straße, aber wie gesagt bis jetzt wurde ich fast immer mit den Worten "Welcome to Nigeria" an diesen "checkpoints" empfangen.

Von Belel fuhr ich weiter nach Jimeta, Yola, Numan, Jalingo, Mutum Bivu, Bali und schlussendlich Serti. Am 31. Dezember ging es dann von Serti auf in den Gashaka-Gumti Nationalpark. Da ich befürchtete, das Boko Haram für die Silvesternacht weitere Anschläge plante, entschloss ich mich mit meinem Zelt im Wald zu übernachten. Folglich verbrachte ich meinen Silvesterabend anstatt mit Sekt und Feuerwerk, bei einem Lagerfeuer gemeinsam mit Pavianen, Krokodilen, Wasserböcken, Ducker etc. unter dem afrikanischen Sternenhimmel. Und, anstatt einen Neujahrskater zu behandeln, unternahm ich früh morgens am Neujahrstag eine Flusswanderung. Dabei sah ich meine erste Afrikanische Zibetkatze, die mir nicht aus einer Gabuner Tiefkühltruhe entgegen grinste.

Mein Silvestercampingplatz; auf der gegenüberliegenden Sandbank sonnte sich bei meiner Ankunft noch ein recht stattliches Krokodil, das aber akzeptierte, dass dieser Platz für diesen Abend von mir reserviert wurde und sich deshalb flussabwärts treiben ließ.

Wasserbock (Kobus ellipsiprymnus)
Vom Gashaka-Gumti Nationalpark ging es dann zurück nach Serti und Bali und von dort über Takum, Katsina, Yandev, Gboko, Aliade, Makurdi, Lafia, Akwanga und Keffi nach Abuja. Für Abuja waren wieder zwei Unternehmungen geplant: Visum für Benin organisieren und mein Auto bei Toyota nochmals "checken" zu lassen. Das Visum für Benin war innerhalb von vier Stunden erledigt, während die Toyota Niederlassung in Abuja empfahl nach Lagos zu fahren, um dort die nach wie vor vorhandenen Problem bei meinem Auto zu beheben.
Inzwischen bin ich schon den vierten Tag in Abuja und es ist nett wieder Mal für ein paar Tage an ein und demselben Ort zu verweilen. Sobald ich meine Herberge im Maitama-Viertel (ich quartierte mich gleich neben der Botschaft von Benin ein) verlasse, werde ich schon von meinen neuen Nachbarn, die alle für die angrenzenden Botschaften (Benin, Indien, Kenia, Serbien, Kuwait und Eritrea) arbeiten, begrüßt und natürlich wird gleich losgetratscht. So hat mir der Müllmann der Beninischen Botschaft, der auch ursprünglich aus dem Benin ist, seine Lebensgeschichte erzählt: vom Söldnerleben im Biafrakrieg bis zu seiner Hochzeit mit einer Nigerianerin; oder es wird über die Politik diskutiert. Bzgl. Politik gibt es derzeit zwei prägende Themen: die Anschläge von Boko Haram (erst gestern wurden wieder 6 Personen in einer Kirche in Gombe erschossen), sowie die Verdoppelung der Benzinpreise. Ich bekam diese Verdoppelung erst am 2. Jänner mit, als ich aus dem Gashaka-Wald zurück in die Zivilisation kehrte und beim Volltanken meinen Augen nicht trauen wollte, als ich den zu zahlenden Betrag sah. Nachdem ich den Tankwart des Diebstahls bezichtigte und die Polizei rufen wollte, wurde ich von den inzwischen zahlreichen Schaulustigen darüber informiert, dass eben nicht der Tankwart versucht in seine eigene Tasche zu wirtschaften, sondern die Regierung den Benzinpreis verdoppelt hat bzw. um es richtig zu formulieren, die Regierung beschlossen hat die Subventionsgelder für Benzin und Diesel zu streichen. Inzwischen organisieren sich die Gewerkschaften in Nigeria und es schaut so aus, dass am Montag ein Generalstreik abgehalten wird, der erst bei Rücknahme der Entscheidung der Regierung abgebrochen werden soll. Hier in Abuja kommt es schon zu ersten Hamstereinkäufen und es wird davon ausgegangen, dass es ab Montag nicht nur zu einem Streik, sondern auch zu Unruhen kommen wird (in Lagos hat es vor 2 Tagen schon den ersten Toten im Zusammenhang mit der Benzinpreiserhöhung gegeben). Deshalb entschied ich, mich mal Richtung Grenze Nigeria-Benin zu begeben. Sollte am Montag/Dienstag nächste Woche eine Lösung gefunden werden, würde ich noch nach Lagos fahren; falls nicht, ist mein Nigeria-Aufenthalt leider schon zu Ende. Ich schreibe "leider", weil die Menschen hier unglaublich freundlich sind oder, um Paul Clammer (Lonely Planet, Westafrika) zu zitieren "There's no getting around the fact that Nigeria has a terrible reputation for safety. Corruption, fraud, civil unrest - it's all there in a big volatile mix. And yet, for the traveller, Nigeria really can seem like the friendliest and most welcoming country in West Africa."

Freitag, 16. Dezember 2011

... von Bergen, Königen und Malaria

Ich habe mich sehr über das starke Echo auf meinen ersten Blogeintrag gefreut. Ich möchte deshalb auch gleich ein paar immer wiederkehrende Fragen/Anregungen aufgreifen.

1. Warum schreibst du deinen Blog nicht in Englisch?
Einfach deshalb, weil mir das Schreiben in meiner Muttersprache nach wie vor leichter fällt, als in jenen Sprachen (Französisch und Englisch), die ich in den letzten Jahren weit häufiger benutzt habe, als eben meine Muttersprache.

2. Wie schaut eigentlich dein Auto aus?
Voilà

Mein Toyota Hilux


3. Wie schaut den deine Reiseroute aus?
Also meine Reiseroute ändert sich zumindest wöchentlich. Im Groben wird die Rückreise von Gabun nach Österreich aber über folgende Länder führen: Gabun, Kamerun, Nigeria, Benin, Togo, Ghana, Burkina Faso, Mali, Guinea (evtl. mit Abstecher nach Sierra Leone), Senegal, Mauretanien, Marokko (inkl. West-Sahara), Spanien, Frankreich, Schweiz, Österreich. Die Reiseroute wird aber je nach Bedarf (z. B. Unruhen) geändert.


Nach meiner Ankunft in Kribi und v. a. nachdem ich den Strand direkt vor meiner Unterkunft gesehen habe, stand der Entschluss fest für zumindest zwei volle Tage zu bleiben, um sich ein wenig vom Autofahren zu erholen. Anfang Dezember in Kribi zu sein, stellte sich als Glückstreffer heraus: Alle angrenzenden Hotels hatten entweder noch geschlossen oder warteten vergeblich auf Touristen. Naja und deshalb gehörte der ganze Strand mir ganz alleine. Der einzige ngeative Aspekt war, dass die gesamte Gilde an Touristensouvenirverkäufer inklusive jener, die mir irgendwelche Stadtführungen, Bootstouren oder was auch immer "andrehen" wollten, sich auf mich konzentrierten. Aber auch das habe ich in den Griff bekommen und es hat sich dann relativ schnell herumgesprochen, dass ich nur so ein abgedrehter Reisender bin, der eh kein Geld hat. Und so konnte ich meine ganze Zeit wichtigen Angelegenheiten widmen: Strand, Lesen, Faulenzen. An meinem Abreisetag habe ich dann noch einen Abstecher zu den Lobé-Wasserfällen gemacht und erhielt eine Einführung ins Garnelenfangen.

Garnelenfallen in den Lobé-Wasserfällen


Anschließend sind wir zu dritt in einem kleinen Kanu auf dem Lobé flussaufwärts bis zu den ersten Pygmäensiedlungen gepaddelt. Angekommen an den Ufern dieser Siedlungen hatten meine beiden Bantu-Begleiter nichts Besseres zu tun, als die Pygmäenkinder, die sich gerade zum Wasserholen am Ufer befanden, dermaßen entwürdigend zu beschimpfen, dass ich kurzerhand die Entscheidung fällte die Exkursion zu beenden und zurück nach Lobé zu paddeln. Wie immer bei meinen Entscheidungen war auch diese nicht ganz uneigennützig, da ich wusste, dass inzwischen an den Wasserfällen gebratene Garnelen auf mich warteten.

Bootsfahrt auf dem Lobé

Am selben Tag ging es dann noch mit meinem Auto Richtung Norden bis Edéa. Am darauffolgenden Morgen machte ich mich dann auf den Weg Richtung Yabassi und dann nach Loum. Auf der Strecke zwischen Yabassi und Loum war ich dann zum ersten Mal glücklich darüber ein Allradauto zu haben. Obwohl die Regenzeit In Kamerun seit nun einem Monat zu Ende ist, sind noch nicht alle Strecken wieder entsprechend "hergestellt". Von Loum ging es dann über Kumba nach Buea, jene Stadt, die unter den Deutschen noch Haupverwaltungssitz in Kamerun war und viel wichtiger, jene Stadt, die am Fuße des Mount Cameroon liegt.

Sonnenuntergang in Molyko (Buea); im Hintergrund der Aufstieg zum Mount Cameroun

Als ich dann in Buea bei meiner Unterkunft vorfuhr und aus dem Auto ausstieg, konnte ich meinen Augen nicht trauen - vor mir stand Emmanuel Bache, ein Mitstreiter aus inzwischen fernen Lambaréné-Tagen. Damit war natürlich auch klar, dass wir den Abend ganz kamerunesisch gestalteten: Bier + Live-Makossa

Bache und ich - unterwegs in Buea

Am nächsten Tag begann ich dann mit meiner Organisation für den Aufstieg zum Gipfel des Mount Cameroon. Gemeinsam mit Samuel und Augustine, die beide für das in Buea ansässige Ecotourismusbüro arbeiten, ging es am Montag den 05. Dezember 2011 los. Wir wählten die sogenannte Guiness-Route (relativ steil) für den Aufstieg, wobei eine Übernachtung auf Hut 2 (auf 2860 m) angedacht war. 

Über den Wolken - Aufstieg zum Mount Cameroon

Leider kam dann alles anders als geplant, da ich bei 2750 m den Aufstieg abbrechen musste. Es fehlten zwar nur noch 100 Höhenmeter zur geplanten Übernachtungsmöglichkeit, aber zusätzlich zu der Tatsache, dass meine Oberschenkelmuskulatur schon lange im anaeroben Bereich arbeitete, hatte ich sehr starke Kopfschmerzen bekommen. Ich wollte das Wort Höhenkrankheit zwar nicht in den Mund nehmen, Fakt war aber, dass ich mich dazu entschied den Aufstieg abzubrechen und wieder Richtung Buea zurückzugehen. Da die Zeit nicht mehr ausreichte bis nach Buea zurückzukehren, übernachteten wir im Wald auf ca. 1500m und beendeten den Abstieg erst am nächsten Morgen. Zum Abschluss meiner erfolglosen Bueaexpedition wurde ich dann von Samuels Familie zum gemeinsamen Abendessen eingeladen - als Kompensation zum nichterreichten Gipfel.

Abendessen bei Samuel und seiner Familie

Von Buea führte die Fahrt dann zurück nach Kumba und von dort über Nguti und Bachuo Akakbe nach Bamenda. Da die Strecke aber bedeutend anspruchsvoller war, als ursprünglich gedacht, schaffte ich es nicht vor Einbruch der Dunkelheit in Bamenda anzukommen.

Irgendwo zwischen Kumba und Nguti

Und deshalb habe ich mich mitten im Nirgendwo der hügeligen "grassfields" der Nord-West Provinz Kameruns nach dem "village chief" erkundigt, um nach Erlaubnis zu fragen, in seinem Dorf campieren zu dürfen. Laut Auskunft sollte dieser chief auf dem Gipfel des nächsten Hügles wohnen. 45 Minuten später, es war inzwischen dunkel und mein Auto voller Menschen, die mir unbedingt den Weg weisen und mich zum village chief begleiten mussten, kam ich am Gipfel an, parkte mein Auto, wie man es nicht anders erwarten würde, vor einem Palast. Meine Fahrgäste organisierten Stühle und arrangierten diese entsprechend vor dem Palast. Inzwischen waren natürlich auch schon viele neugierige Dorfbewohner eingetroffen und alle gemeinsam klatschten wir den village chief ein. Ich wurde vorher von meinen Mitfahrern entsprechend eingewiesen, dass ich dem village chief auf keinen Fall die Hand schütteln darf, ihn aber eben einklatschen soll. Der Chef bat mich dann vorzusprechen. Ich stellte mich also vor und versuchte das eher banale Anliegen eines Zeltplatzes der Kulisse entsprechend (ein Gutteil der Dorfbewohner war inzwischen anwesend) als doch nicht ganz unbedeutende Sache vorzutragen. Ich staunte nicht schlecht, als der Chef sich selbst als His Royal Highness Fon Benard Mondi II von Tiben vorstellte. Nach einstündigen "Verhandlungen" (man könnte es auch Geschichtenerzählen nennen) wurde entschieden, dass mein Ansuchen auf einen Zeltplatz abgelehnt wird und ich stattdessen im Palast zu übernachten hätte. Der Fon bot mir auch noch eine 10jährige Aufenthaltserlaubnis an; ich bat aber darum mir zumindest bis morgen Bedenkzeit zu geben - nicht wegen des Schlafplatzes, sondern nur wegen meiner Pläne für die nächsten 10 Jahre. Ein wenig erschöpft durfte ich mich dann im Palast schlafen legen. Am nächsten Morgen ging es dann gleich auf die dorfeigene Palweinplantage, um anschließend entsprechend belustigt durch Tiben zu wandern. Da für den Nachmittag so was ähnliches wie eine Gemeinderatssitzung (findet zweimal im Jahr statt) einberufen war, für die ich erstens eingeladen wurde und deren Ablauf mich zweitens brennend interessierte, hatte ich meine Weiterfahrt vorerst auf den nächsten Tag verschoben. Die Sitzung wurde in der Haupthalle des Palastes abgehalten und während ich ganz glücklich in der hintersten Reihe eine versteckte Sitzmöglichkeit gefunden hatte, hatten die Dorfbewohner schon längst andere Pläne mit mir... Der Präsident des Exekutivkommittees eröffnete die Sitzung und stellte die einzelnen "Gremien" vor. Da war eben das Exekutivkommittee, zu dessen Rechten HRH Fon von Tiben und zu dessen Linken die vier Quaterheads. Am Ende der Vorstellungsrunde wurde mit Bedauern festgestellt, dass das Exekutivkommittee nicht vollständig war und ich hörte schon zu meinem Entsetzen die Rufe "Mr. Markus, where are you?". Naja und als einziger Weißer in so einem Dorf, versteckt es sich nicht so einfach. Als ein natürlich sehr wichtiges Mitglied des Exekutivkommittees, durfte ich im Rahmen der mehrstündigen Sitzung Stehgreifvorträge zu den Themen Schulbildung, Elektrizität und Tourismus halten. Ich hatte doch das Gefühl, dass diese Sitzung aufgrund meiner Anwesenheit ein wenig anders verlief als frühere Sitzungen. Das Ende der Sitzung war aber nicht abweichend und so verlies keiner nüchtern die Sitzung - oder anders formuliert: unsere Arbeit in den Morgenstunden auf der Palmweinplantage war nicht vergebens. Der Abend gestaltete sich als sehr ruhig. Der Fon lud mich zum Geschichtenerzählen in sein Haus ein. Und so saßen wir beide beim schwachen Schein einer Petroleumlampe und diskutierten bis spät in die Nacht über Mungo Park, den Sultan von Foumban und seine 125 Frauen, Kannibalismus in Calabar oder die Rolle der Fons im Sklavenhandel mit den Europäern im 17. und 18. Jahrhundert. Dieser Tag meiner Reise war schon Grund genug eben diese zu tun. Schweren Herzens informierte ich den Fon am Ende des Abends, dass ich doch keine 10 Jahre bleiben werde, aber stattdessen am nächsten Tag abfahren werde. Am nächsten Morgen habe ich dann noch eine kleine Exkursion zu den Wasserfällen von Tiben unternommen, um dann am späteren Nachmittag mit zwei Tagen Verspätung über Batibo und Bali nach Bamenda zu fahren.

Beim traditionellen Heiler in Tiben

Wasserfall von Tiben

HRH Fon Benard Mondi II von Tiben

Gleich nach meiner Ankunft in Bamenda wurde ich bei meinem Freund Papa Teh Muh, mit dem ich auch in Lambaréné zusammengearbeitet habe, vorstellig. Nach einem gemütlichen Mittagsbier (ich habe nur eine Limo getrunken, weil ich mich nicht so gut fühlte), checkte ich dann im Resort '84 ein, dass ich gestern früh nach 5 Tagen zum ersten Mal wieder verlassen konnte. Grund dafür war meine erste Malaria auf dieser Reise. Zu meinem Glück hatte ich auch gleich eine "mixed infection", sprich zumindest 2 verschiedene Parasitenspezien: Plasmodium falciparum und zumindest eine der anderen drei: P. ovale, P. vivax und/oder P. malariae. Obwohl ich wieder regelmäßig die 41 °C Körpertemperatur überschritten habe, habe ich mich im Vergleich zu meiner ersten Malariainfektion 2006 bedeutend schneller erholt. Grund dafür ist aber sicher, dass ich 2006 keine Gewichtsreserven hatte und ich dieses Mal einfach nur meinen kleinen Bierbauch opfern musste - auch nicht schlecht!

Da ich aufgrund der Malaria eine Woche verloren habe und die Einwanderungsbehörde in Bamenda mein Visum nicht verlängern will/darf, geht es nun vorerst anstatt in den Norden (Waza) zurück in den Süden, nämlich nach Yaoundé, um eben mein Visum für Kamerun noch vor den Weihnachtsfeiertagen zu verlängern und gleichzeitig auch schon mein Visum für Nigeria zu organisieren. Weitere Neuigkeiten gibt es wieder, sobald eine ansprechende Internetverbindung zur Verfügung steht.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

... und die Heimfahrt beginnt


Mein ursprünglicher Plan war Anfang Mai 2011 von Lambaréné, Gabun nach Bersbuch, Österreich - also nach Hause zu meinen Eltern - aufzubrechen. Der Plan war, dies mit meinem Auto zu tun. Leider war mein Plan mit jenem der Gabuner Behörden (in diesem Fall das Transportministerium) nicht kompatibel. Anstelle der offiziellen 2 Monate waren mehr als 10 Monate notwendig, um die Zulassung (carte grise) für mein Auto auszustellen. Natürlich habe ich diese Wartezeit bis November 2011 genutzt – und zwar zum Faulenzen; und auch ein wenig für kleinere Ausflüge in und um Lambaréné:

La Plaine à Mvamzaman (mit Thierry und Biso) (Juli 2011)
Zwillingsinsel in der Ogooué-Seenregion westlich von Lambaréné (September 2011)
Fischfang in Mvamzaman (Oktober 2011)

Stromschnellen in Sindara (November 2011)


Carte grise
Obwohl ich das Faulenzen sehr genoss, wollte ich nach wie vor auf dem Landweg zurück nach Europa reisen. Und wie immer in Afrika, gibt es am Schluss eine Lösung für jedes Problem. Und deshalb konnte ich am 28. November, also 3 Tage vor Ablauf meiner Aufenthaltsgenehmigung für Gabun die Heimreise antreten – mit mehr oder weniger allen notwendigen Dokumenten inklusive „carte grise“:



Sich nach 2,5 Jahren von Lambaréné, meinen FreundInnen am Albert Schweitzer Spital und meinen Nachbarsfamilien aus Adouma zu verabschieden war doch sehr emotional. Dennoch war meine Stimmung sehr positiv, weil die langersehnte Reise endlich begann. Mein erster Reisetag führte von Lambaréné nach Bifoun, weiter über die Bergstraße nach Ndjolé, von dort nach Oyem und schlussendlich nach Bitam. Tags darauf organisierte ich in Bitam mein Ausreisevisum und einen Passagierschein für mein Auto, der mir erlaubt eben jenes wieder zurück nach Gabun zu verschiffen, ohne das Auto ein zweites Mal zu verzollen. In Eboro setzte ich dann nach Kamerun über und begann mit der Odyssee einen Passagierschein für mein Auto für Kamerun zu lösen. Ich war nicht verblüfft zu erfahren, dass ich dieses Dokument an der Gabun-Kamerun Grenze nicht lösen kann, sondern nur an der Äquatorialguinea-Kamerun Grenze. Also, fuhr ich über Ambam nach Kye-Ossi, um dort die erwartet schwierigen Verhandlungen mit dem Kameruner Zoll aufzunehmen. Nachdem ich die Zöllner überzeugen konnte, dass ich kein „businessman“, sondern nur Tourist bin, wurde mir anstelle der 15 Tage (maximale Dauer laut Kameruner Zoll) ein Passagierschein für 50 Tage ausgestellt. Ich war sogar so gut, dass ich einen Teil meiner "Gebühren" zurückbekam, weil ich den Zöllner nach Ausstellung des Passagierscheins davon überzeugen konnte, dass ich nicht mehr genug Benzingeld habe, um nach Kribi zu kommen. Die 50 Tage und der eher geringe Preis für den Passagierschein (15.000 CFA) verursachten aber an fast jeder Polizeisperre (der Weg führte zurück nach Ambam und dann nach Ebolowa) längere Diskussionen: erstens deshalb, weil bisher noch keiner der "Diskussionsteilnehmer" einen 50 Tage Passagierschein gesehen hat (und das auch noch zusätzlich bei einem 30 Tage Aufenthaltsvisum) und zweitens, weil sie die bezahlte Summe von 15.000 CFA als zu gering empfunden haben. Bis jetzt habe ich mich aber noch gut gehalten und kein weiteres Schmiergeld bezahlt, da alle Diskussionen mit der Polizei, Gendarmerie, Zoll oder Militär mehr oder weniger mit folgendem Fazit endeten: „Ah, je comprends maintenant, vous êtes Africain!“ Mein persönliches Fazit ist, dass es – ich schreibe mal BISHER – mit den Kameruner Behörden mehr Spaß macht zu diskutieren und zu verhandeln als mit den Gabuner Behörden. Die letzte dieser Polizeidiskussionen endete bei einem gemütlichen Mützig im Zentrum in Ebolowa. Trotzdem, um weitere Diskussionen sowie die offizielle Straßenmaut zu vermeiden, habe ich mich entschieden, nach der Übernachtung in Ebolowa ,meine Weiterfahrt auf kleineren Straßen zu unternehmen. Und diese Weiterfahrt führte mich eben von Ebolowa über Akom II nach Kribi, von wo aus ich diesen ersten Blogeintrag schreibe. Und nach nur einem Tag in Kribi, bin ich mir am überlegen, länger hier zu bleiben. Aber davon mehr im nächsten Eintrag…

Kye-Ossi
Straße von Ebolowa nach Kribi
Meine Unterkunft in Kribi